Wenn der Chef ruft, dürfen, ja müssen alle kommen. „Ein unbekanntes Stück mit lauter prominenten Schauspielern“, unkte Stefanie Reinsperger zu Beginn des Abends, der vom Rein- und Raustreten aus den Rollen gekennzeichnet ist, wofür die Theaterwissenschaft bekanntlich viele findige Begriffe aufbieten kann. So unbekannt ist das Stück im Grunde gar nicht. Autor Wilder hatte sich mit „The Skin of our Teeth“ im Kriegsjahr 1943 gleich seinen dritten Pulitzer-Preis geholt.
Verfremdung und Absurdität sind zu dieser Zeit Markenkern des US-Theaters, das freilich schon in sehr starker Konkurrenz zu Kino und den Wochenschauen steht. So lässt Wilder, und Bachmann ihm folgt hier genau, das Schauspiel wie eine Kinowochenschau starten und bereitet in der Kommentierung durch Nils Strunk alle darauf vor, dass es aus New Jersey der Gegenwart gleich zurück in die Eiszeit gehen wird. Raum und Zeit, vor allem Logik, sind in der folgenden Revue ad acta gelegt.
Adam und Eva, Fred und Wilma
Die Familie Antrobus, angetrieben durch Vater und Mutter Antrobus, so etwas wie eine Mischung aus Adam und Eva, Fred und Wilma Feuerstein, durchlebt den Ursprung der Welt, die Erbsünde und die Verkündigung alles Kommenden. Vater George Antrobus, gespielt von Nicholas Ofczarek im dicken Pelz und mit Zauberer-Zylinder, erfindet, was der Welt noch fehlt: das Rad oder das Alphabet etwa.
Mutter Antrobus (Caroline Peters) versucht mit dem rebellischen Hausmädchen Lily-Sabrina Fairwater (Stefanie Reinsperger) den wilden Familienladen zusammenzuhalten – eine wahrlich nicht leichte Aufgabe. Ein Sohn (Mehmet Atesci) hat die anderen schon erschlagen, und um nicht an die schreckliche Familiengeschichte mit ihren Kains- und Abelsmalen erinnert zu werden, soll die Tochter Gladys (Zeynep Buyrac) möglichst ein Engerl sein.
Sättigendes Bildungsgut
„Kein Wort versteh ich von diesem scheiß Stück“, tritt das Hausmädchen zu all dem wieder neben die Rolle, doch bevor sie sich fangen kann, haben sich schon Homer und Konsorten im Glitzerkostüm ins Gefüge gemischt. Den Anfang der „Odyssee“ bekommt man in daktylischen Hexametern serviert, und tatsächlich ist das Bildungsgut dieses Abends mehr als sättigend. Nur eine Dramaturgie entsteht daraus. Und irgendwann, so ist es gewiß, wird das Feuer ausgehen und die Eiszeit alle mitnehmen. Doch die Familie Antrobus überlebt, weil sie neben den Erfindungen eines gelernt hat: das Weitermachen. Gegen jede Chance.

So übersteht sie die Sintflut und kommt auch nach einem siebenjährigen Krieg aus den Trümmern emporgekrochen. Ein weiteres Kind kam dabei zur Welt. Wie es gezeugt wurde, wird in dieser Katastrophenwelt schon niemand mehr wissen. Jetzt, so scheint es, hat Vater Antrobus seinen Lebenssinn verloren. Doch die als Figuren auftauchenden verlorenen Bücher bringen eine Kehrtwende. Von Aristoteles bis Shakespeare fliegen die Zitate in den Raum und kündigen von einer Konsequenz: „Wenn wir vernichtet werden, stirbt das Wissen mit uns.“ Frei erweitert Regisseur Bachmann den Kanon dieser Erkenntniswerke: Hannah Arendt und Ernst Bloch erinnern an das Prinzip Hoffnung, und zu guter Letzt weiß Vater Antrobus, wie man dem drohenden Satz vom Lernen aus der Geschichte entkommen kann.

„Den Wahnsinn berichten“
„Wenn wir über den Wahnsinn berichten, den wir angerichtet haben, entsteht Hoffnung“, konstatiert er im Stadium berechtigter Erschöpfung. Das ist zwar in keiner Weise logisch, lässt aber schon erahnen, welche Philosophie hinter Wilder lauert: Es ist der Existenzialismus eines Sartre, der die Unausweichlichkeit des Tuns auch in zahlreichen Theaterstücken pressen wird.
Da ist man an diesem Abend noch einmal gut davon gekommen, konnte man sich sagen und jene Momente preisen, in denen das Ensemble dem Erkenntnisernst mit bissigem Wiener Schmäh begegnete. Fast war ein Hauch Altwiener Volkskomödie zu spüren, selbst im brachialen Moment, als ein Teil des Mobiliars aus dem Zuschauerraum gerissen wurde, auf dass die Holzteile gegen die Eiszeit auf der Bühne verheizt würden. „Sie können nach Hause gehen, wir werden ewig weiterspielen“, lautet die letzte Botschaft des Abends. Wo wird die Welt wohl sein, wenn das Burgtheater seinen nächsten 250. Geburtstag feiert?

