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Thursday, April 16, 2026

Wien Museum: Wie die Donauinsel schnell bebaut worden wäre

Ein Zentralbahnhof als logistisches Mammutprojekt, ein Truppenübungsplatz für das Bundesheer oder ein Freizeitgebiet ohne eingepflanzten Wasserzugang – manche frühen Vorschläge wirken aus heutiger Sicht skurril. 1974 herrscht in der engeren Planungsphase jedoch weitgehend Konsens: Die Insel sollte zumindest teilweise bebaut werden.

Alle fünf Siegerprojekte der zweiten Wettbewerbsstufe sahen damals konkrete Verbauung vor, vor allem zwischen Brigittenauer Brücke und Reichsbrücke. Im Wien Museum lässt sich heute nachvollziehen, was geplant war: Der prämierte Entwurf des Büros Christoph-Lintl zeigte eine futuristische Kabinenbahn vor Hochhäusern, das Büro Glück-Becker-Höfer schlug Wohnanlagen im Stil des späteren Alterlaa-Komplexes vor.

Fotostrecke mit 10 Bildern

Dabei drängte die Zeit: Die Bagger arbeitete bereits seit zwei Jahren, als der Gestaltungswettbewerb überhaupt erst anlief. Warum die Donauinsel dennoch weitgehend naturbelassener Grünraum blieb, lässt sich laut Kuratorin Martina Nußbaumer nicht auf „den einen Punkt“ zurückführen. Eine Rolle spielten Akteure wie Donauinselkoordinator Bruno Domany, die aufkommende Ökologiebewegung und „ganz, ganz viele Diskussionen im Hintergrund“.

Vom Hochwasserschutz zum Freiraum

„Donauinsel. 21 Kilometer“ heißt die sehenswerte Ausstellung im Wien Museum, die in vier Kapitel gegliedert die Geschichte vor der und rund um die Insel erzählt. Historische und aktuelle Fotos, Videointerviews, Modelle und Objekte dokumentieren den jahrhundertelangen Kampf gegen Hochwasser, die Planungs- und Bauphase von 1954 bis 1988, die Insel als Naturraum und schließlich als „Freiraum für alle“.

Ein Drohnenflugvideo zu Beginn macht dabei deutlich, welche Dimensionen das Areal überhaupt hat: 21 Kilometer in 21 Minuten, alles künstlich angelegt, eines der größten Wiener Bauprojekte des 20. Jahrhunderts.

Überschwemmungsgebiet als wilder Vorläufer

Die Donauinsel begann als reines Hochwasserschutzprojekt. Die erste Donauregulierung war bereits in den 1870er Jahren erfolgt: Der verästelte Strom hatte zuvor eine Auenlandschaft bis in den Prater hinein geschaffen, mit der Aushebung des heutigen Flussbetts wurde die Donau erstmals reguliert. Parallel dazu entstand zur Entlastung bei Hochwasser das „Überschwemmungsgebiet“ mit Wiesen und „Gstetten“. Ein wilder, selbstorganisierter Freiraum, der „die Donauinsel in vielem vorweggenommen“ habe, so Nußbaumer, die über die Dimension der Nutzung selbst überrascht war.

BOKU Universität/Archiv Österreichischer Landschaftsarchitektur

Ausführungsplanung für den Nordteil der Donauinsel

Hier badete der Mann, jagte Rebhühner und spielte Fußball – die Hakoah trainierte da bereits vor der offiziellen Vereinsgründung. Trotz Bebauungsverbots wurden Gasthäuser hochgezogen, in den 1920er Jahren entstand sogar ein „improvisierter Flughafen mit Linienflügen nach Budapest oder München“.

Auch die frühe FKK-Bewegung war im Überschwemmungsgebiet aktiv: Ein ausgestelltes „Lobaufetzerl“ – ein Stoffstück, mit dem das Geschlecht verdeckt werden konnte – erinnert an Polizeikontrollen der 1930er Jahre. Die kämpferische Nacktbadecommunity um Aktivisten Waluliso war auch mitverantwortlich dafür, dass auf der Donauinsel heute stolze acht Kilometer FKK-Zone existieren.

Umkämpfte Planung

Auslöser für die zweite Donauregulierung war das Hochwasser im Juli 1954, das Teile des zweiten und 20. Bezirks bis zu einem halben Meter überflutete. Dass die Inselvariante letztendlich umgesetzt wurde, war dabei keineswegs selbstverständlich: Insgesamt vier Modelle standen zur Diskussion, darunter auch die von der ÖVP präferierte, deutlich kostengünstigere Erhöhung der Dämme.

Ausstellungshinweis

„Donauinsel. 21 Kilometer Freiraum“, Wien Museum am Karlsplatz, bis 31. August. Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10.00 bis 18.00 Uhr.

„5 besser Milliarden verwenden!“ lautete der Slogan eines ausgestellten Plakats aus dem Wiener Wahlkampf 1973 – eine später natürlich revidierte Position, auf die die SPÖ bis heute gerne verweist, um die Stadtplanungskompetenzen der Volkspartei infrage zu stellen. Aber auch in Teilen der Umweltbewegung gab es Widerstand: Kritiker sahen die Lobau durch die geplante „Spaghetti-Insel“ gefährdet.

Ein Meter Erde auf dem Schotterkörper

Auch wenn die Donauinsel heute wie ein wilder Flecken Natur aussieht, ist sie vollständig gestaltet, „gemachte Natur“: Jeder Baum wurde gesetzt. Die Grundsubstanz bildet das Aushubmaterial der Neuen Donau, ein durchlässiger Schotterkörper: „Oft wird vergessen, dass die Donauinsel ein Nebenprodukt der Aushubarbeiten war – auch, weil das kostengünstige war“, so Nußbaumer. Für Bäume wurde ein Meter Erde aufgeschüttet, auf den Wiesenflächen hingegen nur etwa 30 Zentimeter. Das ist auch ein Grund, warum die Donauinsel in Zeiten der Klimakrise zunehmend mit Trockenheit zu kämpfen hat.

Ausstellungsansicht im Wien Museum zum Thema „Donauinsel“

Klaus Pichler

Die Ausstellung zeigt auch Porträts von Donauinsel-Nutzerinnen und -Nutzern

130 Wildbienenarten

Aus der anfangs kargen Fläche ist mittlerweile ein „Hotspot für Biodiversität“ geworden, wie Kokuratorin Ulrike Krippner betonte: 130 Wildbienenarten und rund 40 Prozent der in Österreich vorkommenden Libellen schwirren heute herum, auch Rehe und der ambivalent betrachtete Biberhausen hier. Darüber hinaus hat die Insel große Bedeutung für das Stadtklima – gemeinsam mit dem Wienerwald bildet sie einen kühlenden Grüngürtel.

Konflikt Wenige

Auch als konsumfreie Freizeitzone hat die Donauinsel viel zu bieten: Baden – mit oder ohne FKK –, Fischen, Schwertkampf und Yoga, Community-Treffpunkte, Feiern oder einfach Abhängen. Die Ausstellung porträtiert im Schlusskapitel Nutzerinnen und Nutzer, etwa die 74-jährige Soheila, die 1982 aus dem Iran nach Wien geflüchtet ist: „Zehn Tage habe ich gebraucht, um den Bikini wegzugeben. Aber dann habe ich mich ganz frei gefühlt“, wird sie zitiert.

Und Konflikte? Gebe es wenig, meinte Nußbaumer über die Gespräche mit den Grillplatzaufsehern vom Inselservice, es geht „im Großen und Ganzen ziemlich gut“.

Vormals schrumpfende Stadt

Dass die Insel so viel genutzt wird, damit hatten auch Befürworter nie gerechnet: Wien war damals am Schrumpfen, heute wohnen zirka eine halbe Million mehr Menschen in der Stadt als in den 80er Jahren, vor allem im Donauinsel-Einzugsgebiet im Norden wurde stark erweitert. Dass die „Erfolgsgeschichte Donauinsel“ so nicht vorausgesehen wurde, spüren Partyorganisatoren noch heute: Für Großveranstaltungen wie das Donauinselfest wurden damals viel wenige zu Stromleitungen gelegt.

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