Die hohe Popularität Takaichis komme allerdings weniger von ihrer Regierungsarbeit während ihrer dreimonatigen Amtszeit als davon, wofür sie stehe, schrieb der „Economist“. Paradoxerweise sei sie als Sozialkonservative, die japanische Traditionen hochhält, plötzlich ein Symbol für Veränderung.
Die größte Veränderung gab es laut „Economist“ innerhalb ihrer Partei, nachdem sie im Oktober den Machtkampf in der LDP gewonnen hatte und damit die erste Frau an der Spitze der Partei und des Landes wurde. Seitdem bildet sie einen Kontrast zu ihren männlichen Vorgängern, die „meist aus politischen Familiendynastien stammen und ihre Parlamentssitze erbten“, so der „Economist“.
Takaichi adressierte zunehmend auch junge Wählerinnen und Wähler. So spielte sie gemeinsam mit dem südkoreanischen Präsidenten Lee Jae Myung nach einem Gipfeltreffen im Jänner K-Pop-Hits auf dem Schlagzeug und ließ sich dabei filmen.
Die Partei sei laut „Economist“ aber deutlich weniger beliebt als ihre charismatische Chefin. Denn in den letzten Jahren durchlebte die LDP mehrere Führungswechsel und Skandale. Unter Takaichis Vorgänger, Shigeru Ishiba, verlor die Partei erstmals seit 2012 die Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments. Umfragen der Zeitung „Asahi Shimbun“ sagen den Liberaldemokraten nun einen deutlichen Zuwachs und den ersten Platz bei der Unterhauswahl voraus.
Neues Bündnis wird LDP herausfordern
Das erst im Jänner im Vorfeld der Wahl gegründete Bündnis Zentrale Reformallianz (CRA) liegt in den Umfragen auf dem zweiten Platz und wird die LDP herausfordern. CRA entstand aus dem ehemaligen LDP-Koalitionspartner, der buddhistisch und teils sozialistisch geprägten Partei Komeito, und der linksliberalen Konstitutionellen Demokratischen Partei Japans (CDP) des früheren Premierministers Yoshihiko Noda.
Das Bündnis versteht sich als Alternative zu Takaichis nationalkonservativem Kurs. Mit bisher 172 Abgeordneten im Unterhaus ist CRA aktuell stärkste oppositionelle Kraft.
Das CRA-Bündnis sei aus „Fantasie und Verzweiflung“ entstanden, kommentierte die international ausgerichtete Zeitung „Japan Times“ die kürzliche Neugründung. Die beiden Parteien des Bündnisses befänden sich auf einem „unumkehrbaren Abwärtstrend“, und man wolle mit dem Zusammenschluss lediglich der Bedeutungslosigkeit entgehen, so die „Japan Times“ weiter.
Mehrheit auch in der zweiten Kammer notwendig
Als die Koalition zwischen dem jetzigen CRA-Bündnispartner Komeito und der LDP im vergangenen Jahr Krieg scheiterte, wandte sich die LDP an die Japanische Innovationspartei (Ishin), um die aktuelle Koalition zu bilden. Ishin steht für die Deregulierung der Märkte sowie Dezentralisierung und erreicht in den Umfragen zwischen drei und fünf Prozent. Gewinnt Takaichis LDP die Wahl, könnte es zu einer Wiederholung dieser Koalition kommen.
Erreicht LDP eine absolute Mehrheit, könnte die Partei zu alter Dominanz aufschließen und alleine regieren. Aber auch wenn Takaichi die Hälfte der Sitze im mächtigeren Unterhaus gewinnt, muss sie in der zweiten Kammer des Parlaments, dem Oberhaus, weiterhin mit anderen Parteien zusammenarbeiten, um Gesetze durchzubringen. Die nächste Oberhauswahl in Japan findet 2028 statt.
Hohe Staatsverschuldung
Ein Wahlsieg der LDP würde auch den Regierungskurs der expansiven Fiskalpolitik bestätigen. Erst drei Tage vor der Wahl, am Donnerstag, versteigerte das japanische Finanzministerium 30-jährige Staatsanleihen im Volumen von rund 700 Milliarden Yen (rund 3,8 Milliarden Euro). Anleihen mit dieser langen Laufzeit gelten als besonders anfällig für Sorgen über eine nachlassende Haushaltsdisziplin.
Japan ist mit einer Verschuldung von 230 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bereits das am höchsten verschuldete Industrieland. Takaichi hatte im Wahlkampf versprochen, die Verbrauchssteuer auf Lebensmittel auszusetzen. Das schürte auf den Märkten die Furcht vor einer weiter steigenden Staatsverschuldung.
Takaichi, der von US-Präsident Donald Trump unterstützt wird, gilt als Anhängerin der „Abenomics“. Diese vom bei einem Attentat 2022 getöteten, früheren Premierminister Shinzo Abe geprägte Wirtschaftspolitik setzt auf extrem niedrige Zinsen und hohe Staatsausgaben, um die Konjunktur anzukurbeln.
„Einflussreichste Handtasche seit Thatcher“
In den letzten Monaten sorgte die Regierungschefin durch das Tragen der schwarzen Lederhandtasche „Grace Delight Tote“ für einen regelmäßigen Run auf die Tasche. Der Hersteller der Handtasche, das japanische Traditionsunternehmen Hamano, musste aufgrund der hohen Nachfrage sogar eine Warteliste einführen.
Die „New York Times“ nannte das Accessoire die „politisch einflussreichste Handtasche“ seit jener britischen Premierministerin Margaret Thatcher. Takaichi sprach von Margaret Thatcher als politisches Vorbild. Thatcher habe ihre Handtasche als Mittel genutzt, um sich als vernünftige „Durchschnittsfrau“ zu präsentieren, so die „New York Times“.
Gleichzeitig spiegelte die Tasche einen „organisierten Geist“ wider. Das einzig wirklich ungewöhnliche an Takaichis Tasche sei laut „New York Times“ aber nicht das Design, sondern dass sie die Regierungschefin eines G-7-Landes selbst trägt und diese Aufgabe nicht vom Personal übernommen wird.

