Ungeachtet der Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran weitet Israel seine Angriffe im Libanon aus. Bei dem nach eigenen Angaben bisher größten Angriff seit Kriegsbeginn auf Einrichtungen der schiitischen Hisbollah im Libanon seien mehr als 100 Kommandozentren der Miliz in der Hauptstadt Beirut, der ostlibanesischen Bekaa-Ebene und im Südlibanon getroffen worden, teilte das israelische Militär am Mittwoch mit. Die meisten Ziele hätten sich in zivilen Gebieten im ganzen Land befunden.
Die jüngsten Bombardierungen Israels seien die schwersten, die der Libanon seit Beginn des Krieges zwischen der Hisbollah und Israel Anfang März erlebt habe, sagte eine libanesische Sicherheitsquelle gegenüber Reuters am Mittwoch. Eine libanesische Quelle im Zivilschutz sprach von Dutzenden Opfern bei Angriffen auf die Hauptstadt Beirut. Der libanesische Präsident Joseph Aoun erklärte sich bereit, einem Abkommen über eine dauerhafte Friedensordnung in der Region beizutreten.
Chaos und Tote in Beirut
Mehrere der Bombenanschläge erschütterten die Hauptstadt Beirut und hüllten den Himmel in Rauch. Bei einem der Angriffe auf ein dicht besiedeltes Viertel kamen mindestens zwölf Menschen ums Leben, wie eine Sicherheitsquelle mitteilte. Blutüberströmt und verletzt ließen Menschen in der Hauptstadt Beirut ihre Autos im Verkehr stehen und begaben sich zum nächstgelegenen Krankenhaus, wie Augenzeugen von Reuters berichteten.
Das libanesische Gesundheitsministerium rief die Bürgerinnen und Bürger im Land angesichts großflächigen Staus dazu auf, Wege für Rettungswagen freizumachen. Das Libanesische Rote Kreuz teilt mit, mehr als 100 Rettungswagen seien auf den Straßen unterwegs, um Verletzte in Krankenhäuser zu bringen.

Der libanesische Ministerpräsident Nawaf Salam erklärte, Israels Angriffe hätten dicht besiedelte Wohngebiete getroffen und in mehreren Gebieten, insbesondere in Beirut, unbewaffnete Zivilisten getötet. Aus libanesischen Sicherheitskreisen hieß es, es habe mehr als 150 Angriffe gegeben, viele davon in Beirut.
Israel: Angriffe inmitten ziviler Wohngebiete
Israels Armee sagte, ein Großteil der angegriffenen Hisbollah-Infrastruktur habe sich inmitten ziviler Wohngebiete befunden. Die Armee hat vor den Angriffen Schritte unternommen, um Unbeteiligte zu schonen. Der israelische Militärsprecher Nadav Schoschani sagte am Nachmittag, die Hisbollah halte sich inzwischen in Gebieten im Libanon auf, die bisher nicht als ihre Hochburgen galten. „Das ist Teil ihrer Strategie.“ Die Angaben ließen sich zunächst allesamt nicht unabhängig überprüfen.
Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz sagte in einer von seinem Büro verbreiteten Videobotschaft, es habe sich um den „schwersten konzentrierten Schlag“ gegen die Hisbollah seit dem September 2024 gehandelt. Damals waren gleichzeitig Tausende tragbare Funkempfänger und Walkie-Talkies im Libanon explodiert, Dutzende Menschen wurden getötet und Tausende verletzt. Überwiegend handelte es sich um Mitglieder der Hisbollah-Miliz, aber es kamen auch Zivilisten zu Schaden.
Die Hisbollah meldete zunächst keine weiteren Angriffe. Die aus ihren Hochburgen vertriebenen Bewohnerinnen und Bewohner riefen die Hisbollah auf, solange sie nicht in ihre Wohnorte zurückkehrte, bis „die offizielle und endgültige Waffenruheerklärung im Libanon veröffentlicht worden ist“.
„Kampf im Libanon geht weiter“
Die israelische Armee und die israelische Regierung verdeutlichen, dass sich die zwischen den USA und dem Iran vereinbarte Feuerpause aus ihrer Sicht nicht auf den Libanon erstreckt. „Der Kampf im Libanon geht weiter“, teilte ein Armeesprecher im Onlinedienst X mit. Zuvor hatte bereits das Büro von Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu mitgeteilt, Israel unterstütze zwar die Feuerpause im Iran, diese Umfasse jedoch „nicht den Libanon“. Der Vermittler Pakistan hatte jedoch erklärt, die Feuerpause gelte für den gesamten Nahen Osten einschließlich des Libanon.
Israel: Bisher schwerste Angriffe im Libanon
Israel hat im Libanon nach eigenen Angaben seinen bisher größten Angriff seit Kriegsbeginn auf Einrichtungen der radikalislamischen Hisbollah-Miliz vollzogen. Laut dem libanesischen Gesundheitsministerium wurden bei den Angriffen Dutzende Menschen getötet und Hunderte verletzt.
Mehrere europäische Staaten und Kanada fordern in einer Erklärung, die Feuerpause auch auf den Libanon auszudehnen: „Wir rufen alle Seiten dazu auf, den Waffenstillstand umzusetzen, auch im Libanon“, hieß es. Dem Vermittler Pakistan wurde für sein Engagement gedankt. Der deutsche Außenminister Johann Wadephul forderte seinen israelischen Kollegen Gideon Saar nach Angaben eines Sprechers auf, dass „sich Israel auf die notwendige Selbstverteidigung gegen die Hisbollah beschränkt und nicht darüber hinausgeht“.
Unterdessen erwägt der Iran einen Medienbericht über neue Angriffe auf Israel. Grund seien Verstöße Israels gegen die Feuerpause im Libanon, meldete die iranische Nachrichtenagentur Fars unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten Regierungsvertreter.
Über 1.200 Tote und 1,2 Mio. Vertriebene seit Kriegsbeginn
Nach Beginn der US-israelischen Angriffe auf den Iran am 28. Februar hatte die mit Teheran verbündete Hisbollah-Miliz Raketen auf Israel abgefeuert. Die israelische Armee marschierte danach im Südlibanon ein und will das Grenzgebiet auf libanesischer Seite unbewohnbar machen. In den Dörfern nahe der gemeinsamen Grenze sollten alle Häuser zerstört werden, hatte Verteidigungsminister Katz vergangene Woche angekündigt.
Die rund 600.000 aus dem Süden des Nachbarlandes geflohenen Menschen dürften erst in ihre Heimat zurückkehren, wenn der Norden Israels wieder sicher sei. Zudem bekräftigte der Minister die Pläne, nach dem Ende des Krieges eine Pufferzone im Südlibanon einzurichten. Seit Beginn der israelischen Offensive gegen die Hisbollah am 2. März sind im Libanon mehr als 1,2 Millionen Menschen vertrieben und 1.200 getötet worden.
Der Libanon-Krieg Anfang März in den Iran-Krieg hineingezogen worden. Damals feuerte die vom Iran finanzierte Hisbollah-Miliz als Reaktion auf die Tötung des obersten iranischen Führers Ajatollah Ali Chamenei mit Raketen auf das Nachbarland ab. In der Folge griff Israel zahlreiche Ziele im Libanon an und verschickte Bodentruppen über die Grenze.

