Veronika Sandbichler arbeitet seit über dreißig Jahren für das KHM. Sie hat Kunstgeschichte studiert und leitet als Direktorin der Außenstelle Schloss Ambras bei Innsbruck – bisher immer zur vollen Zufriedenheit ihrer Vorgesetze, dokumentiert durch diverse E-Mails. „Ich schätze Deine Arbeit, Deine Führungsqualitäten und Deinen Fleiß sehr“, gratulierte ihr der kaufmännische Direktor Frey etwa 2021.
In einer anderen Mail hieß es: „Super gemacht! Freue mich für unser Ambras.“ Inzwischen hat sich der Tonfall verändert, ja, ins Gegenteil verkehrt. „Ich werde mit Vorwürfen konfrontiert, dass meine Arbeit schlecht wäre, dass es meinem Team schlecht gehen würde, dass ich eine schlechte Führungskraft wäre, dass ich in den letzten 15 Jahren schwerwiegende Managementfehler an den Tag gelegt hätte“, so die 58-jährige Sandbichler im Gespräch mit dem ORF.
Indizien, „dass man mich verlieren will“
„Das sind für mich alles Indizien, dass man nicht mit mir zusammenarbeiten will, dass man mich verlieren will.“ Einige Vorfälle im Detail: Sandbichler sei von Fine am Telefon so laut angeschrien worden, dass eine Mitarbeiterin im Raum jedes Wort gehört habe.
Während eines Workshops sei sie vor ihren Mitarbeitern von der Geschäftsführung „niedergemacht“ worden, woraufhin eine Angestellte im Anschluss zu ihr gesagt habe: „Das ist Mobbing.“ Fehler würden überproportional kritisiert, Erfolge ignoriert werden, von Führungstreffen seien sie inzwischen ausgeschlossen. Besonders pikant: Um Sandbichler vor zu viel Arbeitslast zu schützen, habe ihr die Geschäftsführung angeboten, sie zu degradieren.
Auch Anwalt erhebt Vorwürfe
Inzwischen hat Sandbichler einen Anwalt engagiert. Seine Kanzlei liegt unweit des KHM. Der Jurist Martin Maxl kennt die Vorwürfe gegen Fine und dessen kaufmännischen Geschäftsführer Frey seit Längerem, denn vor einem Jahr hatte Maxl schon einmal einen Mitarbeiter arbeitsrechtlich gegen die Geschäftsführung vertreten.

Die Fälle seien sehr ähnlich, so der Rechtsanwalt. „Ich werfe eine toxische Führungskultur vor, die sich leider nicht nur auf Frau Sandbichler beschränkt, sondern insgesamt knapp 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des KHM-Museumsverbands betrifft.“
„Strukturelles Versagen“
Auch Sandbichler spricht davon, dass sie „kein Einzelfall“ sei. In ihren Augen gebe es ein „strukturelles Versagen“ der Führung: „Ich spreche mit sehr vielen Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, die aber selbstverständlich anonym bleiben möchten, weil sie Angst um ihren Job haben“, erzählt Sandbichler.

Seit Maxl in zwei Schreiben im März das Ministerium über vielfältige Vorwürfe informiert hatte, kam Bewegung in die Causa. Am Dienstagnachmittag kam der Betriebsrat des KHM zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Thema des Treffens: die Bossing- und Mobbing-Vorwürfe gegen die beiden Geschäftsführer.
Ministerium lässt prüfen
Nach dem Treffen sprach Betriebsratschefin Marianne Novotny-Kargl von „schwerwiegenden Vorwürfen“, die es aufzuklären gelte. Die Situation im KHM-Museumsverband sei für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter derzeit „sehr schwierig“. Vor allem durch den „seit vorigem Jahr laufenden Change-Prozess und die damit verbundenen Umstrukturierungen“ sei der Bedarf an Beratungsgesprächen „merklich gestiegen“.
Auch das Kulturministerium hat sich inzwischen eingeschaltet und eine externe Prüfung durch die Unternehmensberatungsfirma Deloitte bestätigt. Das Kunsthistorische Museum wird erst am Mittwoch in Interviews Stellung nehmen, denn Generaldirektor Fine sei auf Dienstreise in London, und der kaufmännische Geschäftsführer Frey wolle einer Kuratoriumssitzung am Mittwoch nicht vorgreifen.
Museumsverband wehrt sich gegen Vorwürfe
Eine Stellungnahme des Anwalts hat der Museumskonzern dem ORF hingegen übermittelt. Anwalt Helmut Engelbrecht rollt darin die arbeitsrechtliche Auseinandersetzung mit Sandbichler minutiös auf und wirft ihr „deutsche Schwächen“ und „Uneinsichtigkeit“ vor.
Die Mobbingvorwürfe weist er zurück. Eine Einigung ist auch nicht in Sicht. Für Sandbichler sei es eine „gesundheitlich schwer zu ertragende Situation“, wie sie sagt. Um alles zu verarbeiten, sei sie inzwischen bei einer Internistin und einer Psychiaterin in Behandlung. „Ich bin zumindest verbal so traktiert worden, dass ich bei einigen der Gespräche in Tränen ausgebrochen bin, was mit der Aussage kommentiert wurde, damit du uns nicht beeindrucken kannst.“

