Ein „Schiff mit 500 Räumen“ – so beschreibt Manager Lucius das Intercontinental, als er den vergilbten Spitzenvorhang liebevoll zur Seite schiebt: Das Meer, das sei der Eislaufplatz daneben. Das Areal um das in die Jahre gekommene Luxushotel Intercontinental ist Lucius’ Reich, seine gehegte und umsorgte Welt. Schlagobers wird hier noch mit der Hand aufgeschlagen, die titelgebenden Souffles einzeln im kleinen Backofen gebacken.
Hier läuft die Zeit ein bisschen anders – sie wird das aber nicht länger so tun: Der Plot von Solnickis Wien-Film ist ebenso einfach wie verlieren, die Anleihen an der Realität sind überdeutlich. Im Film hat ein argentinischer Investor – gespielt von Regisseur Solnicki selbst – das Hotel gekauft und wird es umbauen. Auch im realen Leben droht Wiens erstes Luxushotel nach dem Zweiten Weltkrieg, damals noch von der Fluglinie Pan Am betrieben, ein baldiger Abriss.
Heumarkt als Endlos-Causa
Die Endlos-Causa Heumarkt geht gerade in die nächste juristische Runde: Erst Anfang Februar teilte das Bundesverwaltungsgericht mit, dass nach jahrelangem Streit nun doch eine Umweltprüfung für das umstrittene Hochhausprojekt notwendig ist. Selbst die bereits reduzierte Projektvariante mit knapp 50 Meter Höhe könnte laut Gericht die UNESCO-Welterbestätte „Historisches Zentrum Wien“ erheblich beeinträchtigen.
Ensemble aus Laiendarstellern
Der Film könnte nun eine letzte Hommage an das Hotel am Stadtpark sein, das wie kein anderes das Modernitätsversprechen der 1960er Jahre verkörperte und mit den Rolling Stones, Josephine Baker, Margaret Thatcher und Bill Clinton vielen Prominenten besetzte.
Entstanden ist das Projekt, das bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt wurde, weil der mehrfach Viennale-erprobte Regisseur hier zu Gast war und an dem Haus Gefallen fand. Für den experimentellen Zugang konnte er Dafoe gewinnen, den Schauspielstar, der mit seinem ausdrucksstarken Charaktergesicht in Hollywood vor allem auf die Darstellung von Bösewichten gebucht ist.

Dafoe war Mitglied des experimentellen Theaters der Wooster Group, das kam ihm bei der Zusammenarbeit mit Solnicki zugute: Im Ensemble war er der einzige Profi, den Rest übernahmen Laienschauspieler, alle voran Mitarbeiter des Hotels, Barkeeper, Rezeptionisten, ein Maßschneider.
Dass das Ergebnis geglückt ist, liegt allen voran an Dafoes großartig sprudelnder Energie und einem Spiel, das ambivalent bleibt – zwischen verschmitzt-ironischem Augenzwinkern und der Seriosität eines Mannes, der seinen Lebensinhalt zu verlieren droht. Der argentinische Investor, ein ausgemachter Unsympathler, taucht bald selbst auf, Manager Lucius ist fassungslos, melancholisch, manchmal kämpferisch. Über die Sprechanlage des Eislaufvereins posaunt er eine schelmische Schimpftirade in die Welt hinaus.

Im Maschinenraum des Hotels
„Wir haben versucht, ein Art Drehbuch zu schreiben. Es hat aber nie so richtig geklappt“, so Dafoe im ORF-Interview über die lose gehaltene Handlung. Vor allem sieht man Dafoe und sein Team durch das Hotel und seine eingeweide Streifen: vom Maschinenraum bis zu den Umkleideräumen des Personals. Auch Ausflüge in die Stadt sind eingebaut: Stadtpark und Wienfluss, die alte WU, Schönbrunn – und ein Tennisplatz mit wunderbarem 50er-Jahre-Kuppeldach.
„The Souffleur“ ist kein erhebendes, glorreiches Hotel- und Stadtporträt, sondern eines, das sich für die Kleinigkeiten einer im Verfall begriffenen Welt interessiert: die Geometrie in den maroden Architekturen, die Perlen, die man findet, wenn man ganz genau hinschaut. Die Streifentapete, der Teppichboden, die Imperfektionen in den Hinterzimmern des Hotels – sie alle kündigen von einem Ablaufdatum.
Der Nostalgiefaktor bleibt in „The Souffleur“ aber dank sprödem Humor, Experimentierfreude und viel eigenwilliger Schönheit in den fotografierten Bildern insgesamt gering. Ein eigensinniges, überraschendes Wien-Porträt, selbst Kennerinnen und Kenner werden hier Neues entdeckt.

