In den vergangenen Tagen häuften sich die Meldungen über Beschwerden über eine nahezu vollständige Blockierung des dort beliebten Messengerdienstes Telegram. Russische Websites, die über Onlinestörungen schreiben, hatten große Ausfälle seit Sonntag berichtet, meldete das russische Exilmedium Medusa.
Bereits im Februar hatte Russland angekündigt, Telegram wegen mutmaßlicher Verstöße gegen die Rechtsvorschriften zum Umgang mit Nutzerdaten einzuschränken. Mit „schrittweisen Einhaltung“ gegen die Plattform hatte die staatliche Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor damals gedroht, es verdichteten sich die Spekulationen, dass der Dienst für April eingestellt werden könnte. Nun scheint der Kreml schon früher damit zu beginnen.
Alternativen schon gesperrt
Telegram ist praktisch die letzte Plattform, auf die russische Behörden keinen direkten Zugriff haben. WhatsApp ist bereits gesperrt, ebenso die Messengerdienste Signal und Viber. Schon seit Sommer sind Audio- und Videoanrufe auf Telegram und auch auf WhatsApp in Russland gesperrt.
Vor allem junge und technikaffine Nutzer konnten bisher internationale Angebote wie YouTube noch über VPN (Virtuelles privates Netzwerk) erreichen. Doch auch hier kündigten die Behörden bereits im Februar an und blockierten sie.
Nicht überwachbar
Telegram galt auch im Westen in den vergangenen Jahren als höchst problematische App: Sie lässt sich praktisch nicht überwachen, dementsprechend nutzt kriminelle und terroristische Gruppen vom Islamischen Staat abwärts diese als Kommunikationsmittel. Der russische Gründer von Telegram, Pawel Durow, wurde deshalb im Sommer 2024 auch in Frankreich vorübergehend festgenommen.
Von allen genutzt
In Russland ist die App weit verbreitet: Die offizielle Politik von der Staatsspitze bis zu Regionalbehörden kommuniziert damit, aus dem Alltag ist sie eigentlich nicht wegzudenken. Spätestens seit dem Angriff auf die Ukraine wurde Telegram aber auch für den Kreml zum Problem: Die Opposition kommuniziert ebenfalls auf Telegram, auch terroristische Anschläge wie jene auf die Crocus City Hall wurden damit geplant.
Vor allem Letzteres ist auch der offizielle Grund, warum Russland gegen die App vorgeht. Jugendliche würden zu Straftaten animiert, heißt es außerdem. Über die Jahre wurde versucht, Durow, der auch der Erfinder des mittlerweile unter kremlnaher Führung stehenden sozialen Netzwerks VK ist, mit juristischen Drohungen beizukommen. Dieser setzte sich aber ins Ausland ab. Im Vorjahr wurden dann Audio- und Videoanrufe auf Telegram gesperrt.
Hauptkommunikationsmittel an der Front
Die wohl größte und bisher unbeantwortete Frage ist aber, was das für die russischen Truppen in der Ukraine bedeutet. Im Februar verlor Russland den Zugang zu Elon Musks Satellitennetzwerk Starlink, mit dem etwa Drohnenflüge mit Plattformen wie Discord in Echtzeit überwacht wurden. Daneben gilt Telegram als Hauptkommunikationsmittel der Truppen an der Front.
Zwar hieß es im Februar, die Sperre galt nicht für das Militär, seitdem gab es aber immer wieder Berichte über Ausfälle. Die gesamte militärische Kommunikation liefe über Telegram, zitierte das US-Magazin Politico einen Insider: Drehe man es ab, wäre das, also würde man der „gesamten russischen Armee in den Kopf schießen“.
Überwachte Super-App als Ersatz
Zu den schärfsten Kritikern des Verbots gehören auch die prorussischen Militärblogger, die praktisch nur auf Telegram berichten. Zudem laufen über diese Kanäle auch private Spenden an die Truppen. Eine Telegram-Sperre wäre auch das Ende dafür – die Soldaten wären auf die schlechte staatliche Ausrüstung und Versorgung zurückgeworfen, heißt es bei Politico.
Als Ersatz für Telegram forciert Moskau die Nutzung der selbst entwickelten App Max, die nach Einschätzung aller Expertinnen und Experten vollständig überwacht werden kann. Durow schrieb auf seinem Telegram-Kanal: „Russland schränkt den Zugang zu Telegram ein, um seine Bürger zum Wechsel zu einer staatlich kontrollierten App zu zwingen, die für Überwachung und politische Zensur entwickelt wurde.“
Offenbar auch für andere abhörbar
Probleme mit der neuen App im Alltag gibt es laut Meldungen aus Russland aber bereits: Es gebe immer wieder Ausfälle, zudem funktioniere die App nur mäßig, Nachrichten würden immer wieder nicht angezeigt.
Noch problematischer scheint die App im Fronteinsatz zu sein. Schon Ende Februar meldeten das Portal Mediasona sowie mehrere Militärblogger, dass es Warnungen geben kann, die App für die militärische Kommunikation zu verwenden, weil sie nicht sicher sei und von der Ukraine mitgelesen werden könnte.

