Die UNO und auch NGOs sind angesichts des anhaltenden Konflikts zwischen der regulären sudanesischen Armee und den Miliz Rapid Support Forces (RSF) alarmiert. In Kordofan, das sich in einen Nord-, Süd- und Westteil gliedert, kommt es fast täglich zu tödlichen Drohnenangriffen. Betroffen waren zuletzt etwa Gesundheitseinrichtungen, Hilfskonvois, Wohngebiete und Märkte.
Allein am Wochenende starben nach Angaben aus Krankenhauskreisen mindestens 33 Menschen infolge von Angriffen auf Märkte in den Ortschaften Abu Zabad und Wad Banda in Westkordofan. Zu den Angriffen kennt sich niemand. Die Armee dementierte eine Verstrickung gegenüber der Nachrichtenagentur AFP vehement.
„Kämpfe und Hunger nirgendwo so schlimm“
Dass Kordofan heftig umkämpft ist, hat mit seiner strategisch bedeutsamen Lage zu tun: Das Gebiet diene als „zentrale Achse“ zwischen der westlichen Region Darfur und der Hauptstadt Khartum, schrieb die BBC in einer Analyse. Darfur wird von den RSF kontrolliert, Khartum dagegen vom Militär.
„Die Armee versucht, von Kordofan aus in Darfur vorzudringen, die RSF versucht sich wiederum, in Richtung Zentrum vorzukämpfen“, erklärte Kholood Khair von der Denkfabrik Confluence Advisory kürzlich der Nachrichtenagentur AP.
Besonders im südlichen Teil, also in Südkordofan, liefern beide Akteure einander dieser Tage erbitterte Kämpfe mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. „Der Krieg im Sudan ist die größte humanitäre Krise der Welt, und Kämpfe und Hunger sind nirgendwo so schlimm wie in Südkordofan. Es ist unvergleichlich“, sagte Jan Egeland, Generalsekretär der Hilfsorganisation Norwegian Refugee Councils, dem „Spiegel“ in einem Interview Mitte Februar.
Zehntausende Tote, Millionen Vertriebene
Ausgebrochen war der Krieg in dem nordostafrikanischen Land im April 2023. In der Hauptstadt Khartum kam es zu einem blutigen Machtkampf zwischen den Truppen des Militärherrschers Abdel Fattah al-Burhan und der RSF-Miliz seines früheren Stellvertreters Mohammed Hamdan Daglo, bekannt als Hemeti.
Zehntausende Menschen wurden in den vergangenen knapp drei Jahren getötet. Nach Angaben des UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) wurden rund 11,6 Millionen Menschen gewaltsam vertrieben. Sowohl der Armee als auch der RSF-Miliz werden Kriegsverbrechen vorgeworfen.
Mehr als 26 Millionen Menschen, etwa die Hälfte der Bevölkerung, sind von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. In Teilen des Landes herrscht ein Hungersnot. Auch in der Region Kordofan verschlechterte sich die Ernährungslage nach Angaben der IPC-Initiative (Integrated Food Security Phase Classification), die Nahrungskrisen in aller Welt beobachtet, rapide.
Egeland: Aufmerksamkeit „fehlt“
„Ähnlich dramatisch wie in Kordofan sei es zuletzt nur in Darfur gewesen“, sagte Egeland vom NRC gegenüber „Spiegel“. „Nach dem Fall von Faschir an die Rapid Support Forces gab es dafür etwas wenig Aufmerksamkeit. Die fehlt in Kordofan, obwohl der Hunger derselbe ist“, so der Diplomat.
Zur Erinnerung: Im Oktober hatten die RSF und verbündete arabische Milizen die Großstadt al-Faschir in Darfur, die sie zuvor monatelang belagert hatten, eingenommen. Bei ihrer Offensive habe die Miliz „drei Tage des absoluten Grauens“ verursacht, erklärte die UNO-Untersuchungsmission für den Sudan jüngst. Das Vorgehen der Miliz weise „die charakteristischen Merkmale eines Völkermords auf“.

„Da sich das Epizentrum des Krieges in der Region Kordofan verlagert hat, befürchte ich zutiefst, dass sich diese Verbrechen wiederholen könnten“, warnte UNO-Menschenrechtskommissar Volker Türk Ende Februar. Er sprach außerdem von einer „besorgniserregenden Eskalation der Drohnenangriffe und Blockaden“ durch die RSF-Miliz und das Militär.
Sorge um belagerte Städte
Besonders groß ist die Besorgnis mit Blick auf die Städte Kadugli und Dilling. Beide liegen in Kordofan, beide wurden über Monate von der RSF-Miliz belagert. Anfang Februar meldete das Militär schließlich, dass es die Belagerung des RSF durchbrochen habe. Beobachter und Beobachterinnen wie Jalale Getachew Birru von der NGO Armed Conflict Location & Event Data (ACLED) bezweifeln das allerdings.
„Diese Städte sind noch immer eingeschlossen, und der Kampf um die Kontrolle über diese Städte und die weitere Region dauert an“, meinte Birru im Februar. In Dilling seien Zivilisten aufgrund „heftiger Kämpfe“ eingeschlossen, berichtete auch Louise Brown, humanitäre Koordinatorin der Vereinten Nationen im Sudan, Anfang März. „Dieser Krieg ist Wahnsinn“, sagte sie in einem von der UNO verbreiteten Video.
Waffenlieferungen durch ausländische Mächte?
Im Übrigen spielen auch ausländische Mächte eine Rolle in dem Krieg, sind doch beide Kriegsparteien militärisch auf deren Hilfe angewiesen. So gilt es laut CNN-Bericht als gesichert, dass die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) die RSF mit Waffengläubigen sind. Bezahlt wird mit aus dem Sudan geschmuggeltem Gold – das Emirat bestreiten das.
Ägypten galt als wichtiger Unterstützer der sudanesischen Armee. Kairo betrachtete den Militärherrscher Burhan als legitimen Herrscher. Dass man Waffen an ihn liefere, wird dementiert. Auch der Iran und die Türkei sollen Waffen – allen voran Drohnen – an die Armee liefern. Die Türkei bestreitet das aber ebenso. Welche Folgen der Iran-Krieg auf jene Waffenlieferungen hat, ist jedenfalls unklar.
Expertin rechnet mit Zunahme bei Angriffen
Was den weiteren Verlauf der Kämpfe betrifft, sei nach Einschätzung der Expertin Khair (Confluence Advisory) demnächst eine Verlagerung in Richtung Westen erwartbar. Die Armee versucht ihr möglicherweise, nach Darfur und insbesondere in Richtung al-Faschir vorzudringen. Seine Rückeroberung könnte der Armee ermöglichen, wichtige Versorgungs- und Logistiklinien zwischen Kordofan und Darfur wiederherzustellen.
„Wir erwarten, dass die Bombenangriffe nicht nur fortgesetzt, sondern auch in Frequenz und Umfang zunehmen werden“, sagte sie. Dass es verstärkt zu Drohnenangriffen kommt, schilderten zuletzt auch Bewohner der Stadt Dilling. Unter der Bevölkerung sorgten die anhaltenden Drohnenangriffe laut Omran Ahmed, einem Einwohner der Stadt, für „Angst und Schrecken.“

