Am Donnerstag plädierte der europäische Akademienverbund EASAC, die Dachorganisation der Akademien der Wissenschaften, für ein rasches Handeln in Sachen Energiewende. „Es scheint, dass Europa von einer Energiekrise zur nächsten taumelt“, sagte Neven Duic, Professor an der Uni Zagreb und Kovorsitzender des EASAC-Energieprogramms.
Die Zeichen der Zeit stehen zweifellos für die Erneuerbaren: Patrice Geoffron, Direktor des Zentrums für Geopolitik, Energie und Rohstoffwirtschaft an der Pariser Universität Dauphine, schrieb Anfang April in „Le Monde“, dass Trump – unabsichtlich, aber signifikant – einen Beitrag zur Energiewende leistet, indem er „die Märkte für fossile Brennstoffe strukturell unberechenbar macht“.
Vorhersehbare Kosten
Wenn die Ölpreise aufgrund außenpolitischer Entscheidungen dramatisch schwanken können, dann müssten die Kosten der Energiewende „nun nicht mehr mit einem Szenario stabiler fossiler Brennstoffe verglichen werden“, sondern „mit einem Szenario anhaltenden Chaos auf dem Markt“.
Geoffron sprach von einem „Versicherungswert“ dekarbonisierter Technologien, das sei ein Aufschlag, den Wirtschaftsakteure bereit sein sollten zu zahlen, um sich der Bedrohung durch unsichere Preise zu entledigen. Solar- und Windparks und auch Kernkraftwerke würden zu vorhersehbaren Kosten Energie erzeugen.
IEA-Direktor prognostiziert schnelle Entwicklung
Der Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, sagte der Zeitung „Le Figaro“, die Energiekrise werde etwa den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigen. Bestimmte Technologien würden sich aber schneller weiterentwickeln als andere, etwa Solar- und Windenergie: „Es wird sehr schnell, innerhalb weniger Monate, auf erneuerbare Energien zurückgegriffen werden.“ Er rechnete zudem mit einem „Schwung zugunsten der Kernenergie“.
EU wird Pläne vorstellen
Tatsächlich wird die EU laut Bloomberg nächste Woche konkrete Pläne vorstellen, wie der Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigt werden kann. Strom etwa soll geringer besteuert werden als fossile Brennstoffe.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte schon diese Woche eine Abkehr von Öl und Gas hin zu erneuerbaren Energien und Atomkraft gefordert. „Wir zahlen einen sehr hohen Preis für unsere übermäßige Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen“, sagte von der Leyen. Öl und Gas würden in absehbarer Zeit „die teuerste Option“ für Europa bleiben.
Schon in den vergangenen Wochen hatten mehrere europäische Regierungen den Ausbau erneuerbarer Energie angekündigt, in Österreich wurde das Gesetz zum beschleunigten Erneuerbaren-Ausbau nach längerer Wartezeit vorgelegt.
Asien weit stärker betroffen
Der Großteil war in den vergangenen Wochen in Asien noch stärker vom Ölpreisschock betroffen, wo einige Länder bereits die Rationierung von Treibstoff vornehmen mussten. Auch dort reagierte man. So kündigte der südkoreanische Umweltminister Kim Sung Hwan gegenüber CNBC am Donnerstag an, die Produktion von Solar- und Windenergie bis 2030 schnell verdreifachen zu wollen.
Der französische Stromkonzern TotalEnergies kündigte ein mehr als zwei Milliarden Dollar schweres Joint Venture mit dem in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässigen Unternehmen Masdar an. In neun asiatischen Ländern, darunter Indonesien, Japan und den Philippinen, sollen Wind- und Solarenergieproduktion sowie Stromspeicher ausgebaut werden.
Vergleiche mit Ukraine-Krieg und 70er-Ölkrise
Sam Butler-Sloss, Forscher des britischen Energie-Thinktanks Ember, sprach gegenüber CBS von einem „Ukraine-Moment“ für Asien: „So wie die Ukraine Europa dazu gezwungen hat, seine Abhängigkeit von Gas zu verringern, wird Hormus Asien dazu drängen, seine Abhängigkeit von Öl zu verringern.“
In einer Analyse des Thinktanks wird ein Vergleich mit dem Ölpreisschock Anfang der 1970er Jahre gezogen. Dieser hat den Aufschwung von Atomkraft verstärkt. Die derzeitige Ölkrise wird ähnlich wie die Erneuerbaren beflügeln, die noch dazu deutliche Vorteile gegenüber Nuklearenergie haben. Sie könnten viel schneller installiert werden und hätten weitaus geringere laufende Kosten.
US-Barrieren für Sonnen- und Windenergie
Doch auch in den USA ist Solar- und Windenergie auf dem Vormarsch, auch wenn Trump versucht zu bremsen: Er hatte am Tag seines neuen Amtsantritts am 20. Januar 2025 ein Dekret gegen den Ausbau der Windenergie vereinbart. Innenminister Doug Burgum ordnete an, dass alle Genehmigungen für Wind- und Solarprojekte seine persönliche Unterschrift erfordern.
Das Thema ist mittlerweile Stoff für juristische Auseinandersetzungen: So haben fast die Hälfte aller US-Bundesstaaten die Trump-Regierung wegen der Streichung eines milliardenschweren Förderprogramms für Solarenergie geklagt.
Je teurer Gas und Öl, desto mehr Erneuerbare
Doch Bloomberg berichtete Ende Februar, dass im Vorjahr der Anteil an erzeugter erneuerbarer Energie um zehn Prozent gestiegen sei und nun rund ein Viertel der Stromproduktion der USA ausmache. Bloomberg berief sich auf Daten der Energy Information Administration, die dem US-Energieministerium untersteht.
Die Behörde veröffentlichte in der vergangenen Woche ihren Ausblick für den US-Energiemarkt bis 2050: Auch darin wird ein deutlicher Anstieg der Solar- und Windenergieproduktion in den USA prognostiziert. Die Szenarien dafür sind regional unterschiedlich und andererseits von zwei Faktoren abhängig: von den Kosten für Erneuerbare, wobei hier vor allem die Speicherkosten sinken, und von der Verfügbarkeit von Öl und vor allem Gas, die wiederum mit dem Preis zusammenhängt.
Der Ausbau der Windkraftkapazitäten reagiere „sehr empfindlich auf Schwankungen der Erdgaspreise“, heißt es: „Im Szenario mit geringem Öl- und Gasangebot ist der Ausbau mehr als fünfmal so hoch wie bei großem Öl- und Gasangebot.“ Man geht außerdem davon aus, dass sich die Kapazität von Solarkraftwerken bis 2050 um 100 bis 235 Prozent steigern wird. Im Südosten sei bei teurem Öl und Gas auch eine Verfünf- bis Versiebenfachung möglich.
Schub für auf E-Autos
Doch nicht nur Staaten reagieren auf den Ölpreis, auch Private. Onlineplattformen für Autoverkäufe vermelden in Europa laut einem „Guardian“-Bericht enorme Zuwachsraten bei Interessenten für E-Autos. Auf der deutschen Plattform Mobile.de ist die Nachfrage um 50 Prozent gestiegen. Im März wurden im Nachbarland auch erstmals mehr E-Neuwagen als Benziner zugelassen.
Die Plattform Carwow vermeldete einen 20- bis 30-prozentigen Anstieg der Suchanfragen für E-Autos in Spanien, Großbritannien und Deutschland, La Centrale, die größte französische Autoplattform, berichtete gar von einem Anstieg von 160 Prozent von Anfang März auf Anfang April.
Die „Financial Times“ berichtete wiederum, dass in Großbritannien der Absatz von Solarpanelen laut dem größten Einzelhändler im März gegenüber dem Vormonat um die Hälfe gelegt habe.

