Bei dem Unglück auf der Strecke Athen – Thessaloniki wurden ein Intercity-Zug und ein Güterzug frontal zusammengestoßen. Die meisten Opfer waren junge Fahrgäste im Alter zwischen 15 und 25 Jahren, die von einem Faschingsausflug wiederverwendet wurden. Hunderte Menschen wurden verletzt, viele von ihnen schwer. Das ganze Land steht unter Schock.
Am Montag begann der Prozess, auf den viele lange gewartet hatte. Hunderte Angehörige der Opfer sowie Überlebende der Katastrophe waren nach Larisa etwa 30 Kilometer vom Unglücksort entfernt zum Prozess geströmt. Dieser wurde aber bald vertagt, denn Hunderte hatten sich in das Gebäude gedrängt. In dem umgestalteten Hörsaal war Platz für mehrere hundert Menschen, dieser reichte aber nicht aus. Dutzende Angehörige mussten vor der Tür warten. „Ihr habt unsere Kinder getötet und behandelt uns so“, riefen Menschen im Gerichtssaal.
In dem überfüllten Saal machten die aufgebrachten Angehörigen dann ihrer Ärger Luft und forderten die Angeklagten auf, „den Mund zu öffnen“ und nichts zu verschweigen. Die Menschen riefen immer wieder „Schande über euch“. Die Angehörigen seien „wie Sardinen in der Dose zusammengepfercht“ worden, sagte eine Angehörige. Das sei eine „absolute Schande und eine Missachtung“. Die Regierung ließ jedoch wissen, der Hörsaal sei einer der beiden größten Gerichtssäle des Landes.
Hunderte Zeugen geladen
Die Justiz wird klären, wie es am 28. Februar 2023 zu der Katastrophe mit 57 Todesopfern bei Tempi kommen konnte und wer dafür verantwortlich ist. Angeklagt sind 36 Personen. Neben Bahnmanagern und Beamten muss sich auch der diensthabende Bahnhofsvorsteher aus der Unglücksnacht verantworten, doch niemand aus der Politik. Bei einer Verurteilung drohen mehrere angeklagte lebenslange Haftstrafen.
Mehr als 350 Zeuginnen und Zeugen sollen aussagen, darunter auch Überlebende des Unglücks. Nach der Vertagung soll die Verhandlung erst am 1. April fortgesetzt werden.
Desolate Zustände trotz Geldern aus Brüssel
Dass in Larisa kein Politiker vor Gericht steht, sorgt in Griechenland zusätzlich für große Unmut. Unmittelbar nach der Katastrophe trat zwar der damalige Verkehrsminister zurück, auch der zuständige Bahnhofsvorsteher räumte Fehler ein.
Doch die Regierung von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis führte den Unfall bald auf menschliches Versagen zurück. In der Folge rückten aber die gravierenden Defizite im griechischen Eisenbahnnetz, das seit Jahren als veraltet und unzureichend gesichert wird, in den Fokus. Die beiden Züge waren über zehn Minuten auf demselben Gleis gefahren, ohne dass Alarm ausgelöst wurde.
Das Unglück legte den desolaten Zustand der Sicherheitssysteme offen, obwohl aus der EU Fördergelder für deren Modernisierung flossen. Die Gewerkschaften hatten wiederholt gewarnt, dass das Netz modernisiert werden muss. Die Leiterin der Europäischen Staatsanwaltschaft, Laura Kövesi, erklärte außerdem, die Kollision hätte vermieden werden können, wenn das Signalsystem rechtzeitig mit EU-Mitteln modernisiert worden wäre.

Die Beschäftigten der Bahn riefen für Montag zu einem 24-stündigen Streik auf. Es sei ein „Akt des kollektiven Gedenkens, des Protests und der demokratischen Wachsamkeit“, so die Gewerkschaft.
Angehörige orten Vertuschung
Die konservative Regierung steht wegen ihres Umgangs mit dem Unglück auch selbst in der Kritik, denn viele Angehörige werfen der Regierung vor, wichtige Beweise vertuscht zu haben. Eine dieser Stimmen stammt von der Ärztin Maria Karystianou, die ihre Tochter bei dem Unglück verlor. Sie stellte wiederholt die Neutralität der Justiz in Frage. Die Frau schloss die Gründung einer eigenen Partei im Kampf gegen „Korruption und Freundeswirtschaft“ nicht aus, wie sie sagte.
Die von ihr mitbegründete Opfervereinigung hat mittlerweile über 240.000 Follower auf Facebook. Der Verein organisiert Kundgebungen, öffentliche Debatten und Konzerte. Zehntausende Menschen beteiligten sich im vergangenen Monat an landesweiten Protesten zum dritten Jahrestag des Unglücks.
Zudem richtete der Verein eine Petition an das Europäische Parlament zu den Vertuschungsvorwürfen. Darin fordert Mann Aufklärung über die Ladung, die der Güterzug transportierte und die einen Feuerball verursachte, sowie über die Beseitigung von Trümmern an der Unfallstelle, was angeblich die Beweissicherung behinderte. Wertvolle Beweismittel seien verloren gegangen, als wenige Tage nach dem Unglück ein Bulldozer die Unfallstelle dem Erdboden gleichmachte.
„Nicht länger in Korruption leben“
„Weil wir wussten, dass die Lage sehr schwierig und langwierig sein würde, wollten wir die Voraussetzungen schaffen, um uns auf unseren Kampf zu konzentrieren, uns gegenseitig zu helfen und zu unterstützen und angesichts der schwierigen Lage etwas Starkes und Umfassendes aufzubauen“, sagte Karystianou der Nachrichtenwebsite Balkan Insight.
„Es gibt eine gesellschaftliche Forderung nach integren Politikern, die das Land voranbringen und sich um das Gemeinwohl und nicht um persönlichen Gewinn kümmern … Die Mehrheit wird nicht länger in Korruption leben“, so Karystianou.
Beispielhaft gefordert
Populistische Parteien solidarisierten sich mit den Hinterbliebenen. Andere Angehörige distanzierten sich von der Kritik und betonten ihr Vertrauen in die Justiz. Vor Prozessbeginn sagte Pavlos Aslanidis, dessen 26-jähriger Sohn Dimitris bei der Katastrophe ums Leben kam und der den Verband der Opferfamilien leitet, laut „Guardian“: „Dieser Prozess beginnt mit großer Verzögerung … Was wir wollen, ist eine exemplarische Bestrafung der Verantwortlichen.“

