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Thursday, April 16, 2026

Mobilität: Wie man auf dem Land vom Auto wegkommt

Eine gute Alternative zum Privat-Pkw würde etwa bedarfsorientierte Verkehrsmittel darstellen, auch bekannt als Mikro-ÖV, wie Shuttleservices und Sammeltaxis. „Das sind öffentliche Verkehrsdienste, die nicht nach starren Fahrplänen und festen Streckenverkehren, sondern flexibel auf Bestellungen“, so Sandra Wegener, vom Institut für Verkehrswesen an der Universität für Bodenkultur (BOKU).

Doch in der Steiermark etwa wird das Sammeltaxi regiomobil Ende März eingestellt. Trotz der Tatsache, dass es gut angenommen wurde und eine hohe Nachfrage bestanden habe, wie die Mobilitätsforscherin gegenüber ORF.at betonte. Seitens der Betreiber hieß es, der Betrieb könne aus finanziellen Gründen nicht fortgeführt werden.

ORF/Christian Öser

Endstation? Gerade bei der „letzten Meile“ würden bedarfsorientierte Verkehrsmittel wie Shuttleservices eine große Rolle spielen

Bedarfsorientierter Verkehr für die „letzte Meile“

Wegener sieht hier die Gemeinden sowie den Bund in der Pflicht. Schließlich könnte auch der ÖV dünn besiedelte ländliche Räume nicht kostendeckend schließen. Und bedarfsorientierte Mobilitätsangebote seien gerade bei der Sicherung der letzten Meile von großer Bedeutung – also der Strecke zwischen der letzten Station des ÖV und der Destination.

Wortwörtlich abgeholt werden könnte damit nicht nur Personen mit, sondern vor allem ohne Pkw: Senioren und Seniorinnen, Kinder und Jugendliche sowie Personen in einem Haushalt ohne Zweitauto. Wegener betonte, dass der Bedarfsverkehr dabei auch weit über die reine Wirtschaftlichkeit hinausgehe: „Es geht um die Sicherstellung der eigenständigen Mobilität und damit um soziale Teilhabe.“

Busbahnhof Kühnsdorf-Klopeinersee

ORF/Christian Öser

Wegener sieht bei der Sicherstellung von Mobilitätsangeboten die Politik in der Pflicht

Verkehrssektor zweitgrößter CO2-Verursacher

Nicht zuletzt gehe es um die Erreichung der Klimaziele und darum, „ein Zeichen an die jungen Menschen zu senden, dass das Leben in ländlichen Regionen nicht gleichbedeutend mit Autoabhängigkeit sein muss“. Auf die Dringlichkeit, Verkehrssysteme nachhaltig umzugestalten, verwies auch Günter Emberger, Leiter des Instituts für Verkehrswissenschaften an der Technischen Universität (TU) Wien.

Schließlich macht der Verkehrssektor hierzulande rund ein Drittel der Emissionen aus und ist damit nach Energie und Industrie der zweitgrößte Verursacher von Treibhausgasen. Um Klimaschutz zu gewährleisten, braucht es Emberger für aktive Mobilität. „Auch Zu-Fuß-Gehen und Radfahren in Kombination mit ÖV.“

Radfahrer an einer Kuhweide

ORF/Georg Hummer

Will der Mensch die Klimaziele erreichen, braucht es nachhaltige Mobilität – doch dafür braucht es die passende Infrastruktur

Je peripherer, umso mehr Autos

Als Positivbeispiel wurde Emberger Wien genannt, eine Stadt mit geringem Anteil an Autofahrern und hohem Anteil an Fußgängern und Radfahrern. „In Wien haben wir es geschafft, die Maßnahmen so zu setzen, dass wir den ÖV ausgebaut haben, ohne dass die Menschen nicht mehr zu Fuß gehen. Sie sind von Auto in den öffentlichen Verkehr hineingewandert. Das passiert am Land draußen eben nicht.“

Es gelte: Je peripherer das Gebiet, umso höher werde der Autoanteil und umso weniger werde zu Fuß gegangen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, so Emberger.

Hierbei spielt frei auch die Infrastruktur eine Rolle. Ließe sich in der Stadt durchschnittlich alle 300 Meter eine Haltestelle finden, vergrößere sich dieser Abstand auf dem Land auf 500 bis 2.000 Meter. Mit Mikro-ÖV ließe sich dieser Abstand „signifikant verringern“, so Emberger.

Bushaltestelle am Land

Getty Images/breath10 (Symbolfoto)

In der Stadt gebe es Emberger alle 300 Meter eine Haltestelle – auf dem Land nur alle 500 bis 2.000 Meter

Alte Fußwegnetze als „Schatz“

Auf dem Land wäre es auch „ganz wichtig“, sich wieder auf alte Fußwegnetze zu besinnen, appellierte Emberger. „Ich komme aus einer Gegend, da hat man früher zwischen den Häusern durchgehen können – informelle Wege.“

Es hat eine Bank gegeben, man hat sich hinsetzen können, man hat rasten können, die älteren Leute sind gesessen und haben miteinander geredet.

Für Wegener zeigt sich eine ähnliche Situation bei den Radwegen: „Wenn ich zwischen zwei Ortschaften, die fünf Kilometer auseinander liegen, keinen Radweg habe und nur auf der Bundesstraße fahren kann, überlege ich es mir auch zweimal.“ Diese Infrastruktur muss einfach vorhanden sein, fordert sie.

Autoabhängigkeit „Fehlentwicklung der Gesellschaft“

Kritik äußerte Emberger aber auch am großen Ganzen: „Wir haben unsere Raumplanung abhängig von Automobilität gemacht.“ Das sei „eine „Fehlentwicklung der Gesellschaft“. Im Umstieg auf E-Mobilität allein sieht der Verkehrsforscher daher keine Lösung, schon gar nicht auf einer individuellen Ebene. Schließlich bleibe beispielsweise die Belastung durch Mikroplastik beim Reifenabrieb von E-Autos die gleiche.

Park and Ride Tullnerfeld

ORF/Christian Öser

„Wir haben unsere Raumplanung abhängig von der Automobilität gemacht“, sagte der Experte

Appell: Gleiche Standards schaffen

Vielmehr müssten Strukturen umgebaut und motorisierter Verkehr sowie aktive Mobilität „zumindest gleichgestellt“ werden. Derzeit sei das nicht der Fall, verwies Emberger etwa auf Subventionen, Dieselprivileg, Pendlerpauschale und Firmenautos.

Ebenso ungleiche Standards gebe es bei Ampellaufzeiten und Straßenbreiten: „Jede Straße in Österreich ist so dimensioniert, dass sich zwei Autos begegnen können, ohne bremsen zu müssen.“ Auf Gehsteigen gibt es unterdessen oft nicht genug Platz für zwei einander entgegenkommende Fußgänger.

BASTI Anrufsammeltaxi

ORF/Christian Öser

Flächendeckende Straßenmaut statt Vignette – laut dem Experten gibt es viele Handlungsmöglichkeiten

Viele Lenkungseffekte möglich

Pkw-Stellplätze müssten zudem reduziert und überhaupt „neu gedacht“ werden. Zwar habe es sich „so eingebürgert“, allerdings gebe es keinen Grund, warum ein Auto gratis im öffentlichen Raum abgestellt werden dürfe, meinte Emberger.

Parkplätze etwa im gleichen Abstand wie Haltestellen eingerichtet, hatte das auch einen großen Lenkungseffekt. Um den öffentlichen Verkehr attraktiver zu machen, schlägt Emberger außerdem eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen sowie eine flächendeckende Straßenmaut statt einer Vignette vor.

Natürlich ließe sich das System nicht von heute auf morgen ändern, fügte Emberger hinzu, „aber wir können Rahmenbedingungen schaffen, damit die Entwicklung in die richtige Richtung geht, nämlich in Richtung Nachhaltigkeit“. Ein Blick auf die steigenden Temperaturen zeigt jedenfalls: Die Zeit drängt.

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