Kann man das Leben von Jackson erzählen, ohne die Missbrauchsvorwürfe auch nur zu streifen? Erst vor zwei Wochen veröffentlichte das britische Boulevardblatt „Daily Mail“ ein Foto, das ein offenkundig verängstigtes Kind mit nacktem Oberkörper auf Jacksons Schoß zeigt. Das Bild stammt aus den Gerichtsakten der neuesten Klage gegen den Nachlass des Popsuperstars.
Im März 2026 wurde bekannt, dass auch vier erwachsene Geschwister der Cascio-Familie, die zuvor als öffentlicher Unterstützer Jacksons galten, beim Bundesgericht in New York eine Klage eingereicht haben. Noch offen sind auch die Klagen von Wade Robson und James Safechuck, die nach der vielbeachteten vierstündigen Dokumentation „Leaving Neverland“ (2019) eingebracht wurden. Sie schilderten darin detailliert und glaubhaft, wie Jackson sie auf seiner Kinder-Wunderland-Ranch „Neverland“ mit teuren Geschenken überhäufte, sie sexuell missbrauchte und anschließend gegen neue Opfer austauschte.
Erstversion mit Missbrauchsvorwurf verworfen
Jackson wie seine Nachlassverwalter haben die Vorwürfe stets bestritten, beim Einzigen Prozess 2005 wurde Jackson freigesprochen. Dem allen weicht das Biopic „Michael“ von Regisseur Antoine Fuqua nun großräumig aus. Nach der ersten Lebenshälfte, im Zenit des Erfolgs angekommen, ist einfach Schluss.
Geplant war das übrigens anders: Wie das Branchenblatt „Variety“ berichtete, sollte der Film ursprünglich mit der Hausdurchsuchung 1993 auf der „Neverland“-Ranch beginnen. Auch der dritte Akt des Films habe sich diesem Abschnitt in Jacksons Biografie, den Vorwürfen und Jacksons Umgang damit gewidmet. Gedreht wurden diese Szenen offenbar, sie mussten aber verworfen werden. Die Produzenten hatten einen Passus übersehen: Im Vergleich mit Jordan Chandler, jenem Kind, dessen Vater die Vorwürfe 1993 erstmals angestoßen hatte, wird festgehalten, dass Chandler nie in einem Film dargestellt oder erwähnt werden darf.
Popmärchen über Vater-Sohn-Dynamik
Diese zwangsweise Leerstelle hinterlässt nun ein seltsames Gefühl – nicht nur ethisch, sondern auch dramaturgisch, weil der Hauptfigur nun die Fallhöhe fehlt. Rückgrat des reingewaschenen Popmärchens, das beachtliche 150 Millionen Dollar kostete, ist stattdessen die Beziehung zu Vater Joe Jackson (gespielt von Colman Domingo), „einem der monströsesten Väter der Popmusik“, wie der „Guardian“ einmal schrieb. Erzählt wird von einer schrittweisen, schließlich erfolgreichen Emanzipation, die auf die unterdrückte Kindheit folgt.

In der Titelrolle: Jackson-Neffe Jaafar Jackson als erwachsener Michael – schon diese Personalie legt nahe, dass der Nachlassverwalter bei „Michael“ den Ton angegeben haben dürfte. Vom Gesang ist nichts bekannt, die Tanz- und Bewegungsszenen sollen er – durchaus beachtlich – selbst performt haben: Allen voran die legendäre „Moon Walk“-Choreografie von „Thriller“.
Schläge mit dem Gürtel
Der Plot spielt 1966 in Gary, Indiana. Ein Achtjähriger (Juliano Valdi) schaut sehnsüchtig aus dem Fenster, wie sich die Kinder draußen bei der Schneeballschlacht balgen. Doch selbst damals bleibt Michael das Spielen verwehrt. Der tyrannische Vater lässt die Kinder stundenlang für die Familienband Jackson Five proben und schlägt sie mit dem Gürtel – vor allem den kleinen Michael, den Jüngsten und eindeutig Talentiertesten.
Bereits ab den 1980er Jahren waren die Misshandlungen von Jackson Senior in zahllosen Büchern und Interviews bekannt. Er selbst war ein gescheiterter Musiker und erkannte im Talent seiner Kinder eine Aufstiegschance für die schwarze Familie aus dem Armenviertel. Zuflucht vor seiner Härte bietet dagegen die liebende Mutter, die Lichtgestalt des Films. Gemeinsam vor dem Familienfernseher schwärmen Michael und seine Mama für Charlie Chaplin und Fred Astaire. Der Bub saugt das Bewegungsrepertoire der Idole wie ein Schwamm auf und entdeckt – ansonsten sozial isoliert – bald die große Liebe zur Bühne und zur Bewunderung durch Fans.

Das Biopic ist zuvorderst eine Feier der Erfolgsgeschichte des „King of Pop“ – gezeichnet als sensibler Eigenbrötler mit einzigartigem Talent und mit frühem Bewusstsein für seine eigene Strahlkraft. Kaum tritt die Band Jackson Five an die Öffentlichkeit, ist das Publikum verzückt. Gegen den Widerstand des Vaters verfolgte Jackson als junger Erwachsener die eigene, kometenhaft verlaufende Karriere, an deren Höhepunkten die massenhysterisch umjubelten Stadionkonzerte der „Victory“-Tour 1984 und der „Thriller“-Tour von 1988 stehen.
Biopics als schöne Erzählungen
Dass dem Film das erdrückende Kapitel des Kindesmissbrauchs fehlt, macht „Michael“ zur verlogen wirkenden Heiligsprechung. Dabei ist das – derzeit äußerst beliebte – Untergenre-Musikerbiopic ohnehin schon geplagt von oft zu großer Nähe zu Nachlassverwaltern und Hinterbliebenen, die Übersicht bei kontroversiellen historischen Figuren einfordern. Erfreulich verschrobenes Gegenbeispiel ist da etwa das von Robbie Williams selbst koproduzierte Biopic „Better Man“, in dem ein computergenerierter Schimpanse Williams darstellt, mit unerwartet überzeugendem Ergebnis.
Jackson als vernünftiger Exzentriker
Im Fall von „Michael“ hätte das ursprüngliche Drehbuch bedingt ein ambivalenteres Bild transportiert. Es habe, so hieß es, das Narrativ der Angeklagten übernommen – das eines naiven Superstars, der Opfer der geldgierigen Chandlers wird, so berichtete es zumindest der „Spiegel“, der sich auf dem US-Onlinemedium Puck berief.
In der jetzigen Fassung schweben die Missbrauchsvorwürfe wie eine dunkle Wolke über dem Film. Gezeigt werden Jacksons eigenwillige Liebe zu exotischen Haustieren, zu Peter Pan und Kinderspielen sowie seine Besuche bei schwerkranken Kindern im Spital – alles als harmlose Schrulligkeiten inszeniert. Ein Film für die eingeschworene Fangemeinde, die der erdrückenden Last der Zeugenaussagen nicht ins Auge blicken will. Für alle anderen: ein Kinobesuch mit üblem Nachgeschmack.

