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Monday, May 11, 2026

Mehr als ein Trend: „Chinamaxxing“ erobert den Westen

Chinesisch zu sein – das kann man lernen. Den Eindruck bekommt man zumindest, wenn man dieser Tage Plattformen wie TikTok frequentiert. Dort dokumentieren Nichtchinesen neuerdings nämlich, wie sie „chinesisch“ werden. Dabei geht es um kulinarische Genüsse ebenso wie regelmäßiges Spazierengehen oder auch Mode.

Wenig überraschend sind am Höhepunkt des China-Hypes nun auch zahlreiche Videos mit Tipps rund um das chinesische Neujahr zu finden. Unter anderem wird empfohlen, die Farben Rot und Gold zu tragen, Nudeln zu verspeisen und sich am Neujahrsabend nicht die Haare zu schneiden. Außerdem gibt es Ratschläge, wann die Wohnung geputzt und wann die Wäsche gewaschen werden soll.

Gemischte Reaktionen

Unter den Videos finden sich Hashtags wie „#BecomingChinese“ und „#NewlyChinese“. Einige Clips sind auch mit einer Zeile, die an den Film „Fight Club“ angelehnt ist, versehen mit: „Du hast mich in einer sehr chinesischen Phase meines Lebens kennengelernt.“ Statt „chinesisch“ sagt Edward Nortons Filmfigur allerdings „seltsam“.

Bei chinesischen und chinesischstämmigen Nutzern reichen die Reaktionen von scharfer Kritik und Befremdung über Gleichgültigkeit bis hin zu Belustigung. „Morgen werdet ihr Chinesen und es wird so Spaß machen“, sagte die chinesisch-amerikanische TikTokerin Sherry Zhu in einem Video vom Jänner, das mittlerweile über drei Millionen Aufrufe zählt.

„Heute bringt es Traffic, gut über China zu reden“

Der Hype scheint auf den ersten Blick überraschend: „Es ist noch gar nicht so lange her, da löste die Covid-Pandemie eine Welle der Sinophobie aus. Mitglieder der chinesischen Diaspora berichteten von Rassismus und davon, wie Menschen die Gemeinschaft und ihre Geschäfte mieden“, so die BBC etwa.

Das deckt sich mit den Erfahrungen des in Shanghai lebenden deutschen Influencers und Digitalexperten Thomas Derksen: „Früher hast du Hass bekommen, wenn du einfach nur Food- oder Travel-Videos über China gemacht hast. Heute bringt es Traffic, gut über China zu reden“, wird Derksen im „Handelsblatt“ zitiert.

Reuters/Go Nakamura

An Labubus gab es 2025 kein Vorbeikommen

Chinas neue Charmeoffensive

Kommentatoren halten den „Chinamaxxing“-Trend für das jüngste Beispiel für Pekings moderne Charmeoffensive. Zuvor war China im Vorjahr unter anderem mit seinem Labubus – also kleinen bunten Elfenpuppen vom Hersteller Pop Mart – nicht nur ein Verkaufsschlager, sondern in gewisser Weise auch eine Imagepolitik gelungen.

„Im Laufe seines jahrzehntelangen Aufstiegs war China in vielen Dingen gut (und wird immer besser): Technologieentwicklung, Beherrschung von Lieferketten, Aufbau militärischer Macht“, schrieb die „New York Times“ („NYT“) zuletzt. „Worin es jedoch nicht großartig war, ist das Gewinnen von Herzen und Köpfen, insbesondere im Westen – bis scheinbar jetzt.“

Anders sagte: „Soft Power“ – also der Ausbau von Macht durch „sanfte“ Faktoren wie Kultur – war bisher keine Stärke Chinas. Das hat mit der autoritären Führung des Landes zu tun. Zensur, Überwachung und die Unterdrückung der muslimischen Minderheit der Uiguren stehen nach wie vor an der Tagesordnung. Das schadet dem Ansehen Chinas. Die Regierung sei im Umgang mit der Öffentlichkeit aber „geschickter“ geworden, erklärte die „NYT“. Unter anderem wird ausländischen Touristen die Einreise nach China erleichtert.

Dort angekommen, bekommen die meisten kaum etwas vom engen politischen Korsett mit. Vielmehr vermittelnde Reiseziele wie die jüngst boomende Cyberpunk-Stadt Chongqing den Eindruck eines innovativen und fortschrittlichen Landes. „Vieles davon mag nicht falsch sein – es ist nur sträflich einseitig. Es ist das Image, das Chinas Staatsführung bewusst in die Welt tragen möchte: eine aufstrebende Supermacht, die auch sympathisch wirken kann“, so das „Handelsblatt“.

Stadtansicht Chongqing

APA/AFP/Jade Gao

Die Cyberpunk-Stadt Chongqing stößt auf internationales Interesse

Umfrage: Einstellung zu China leicht verbessert

Der Hauptgrund für Chinas „plötzliche Attraktivität“ habe möglicherweise auch „wenig mit China selbst zu tun“, so die „NYT“. Im Westen ist die Meinung zu China laut Umfragen immerhin nach wie vor überwiegend negativ. Aus einer Befragung der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) von 2025 geht beispielsweise hervor, dass 17 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher China als Partner (2023: zwölf Prozent) betrachten, dem mit Vertrauen begegnet werden kann. 57 Prozent (2023: 72 Prozent) sahen das nicht so.

Allerdings sind auch die USA unter Präsident Donald Trump in der jüngeren Vergangenheit international und besonders auch bei den europäischen Verbündeten zunehmend in Verruf geraten. Hierzulande hatten sich die Werte der USA mit dem Machtwechsel in Washington deutlich verschlechtert, wie aus der ÖGfE-Befragung abzulesen ist: Nur 15 Prozent der Befragten hielten die USA als vertrauenswürdigen Partner – 2023 waren es noch 34 Prozent. Der Anteil der Skeptiker stieg von 47 auf 69 Prozent.

US-Politik als Faktor?

Die politische und kulturelle Spaltung Amerikas habe „die Attraktivität der USA deutlich geschwächt“, sagte Ying Zhu, Filmwissenschaftlerin und Expertin für Chinas „Soft Power“, gegenüber der „NYT“. „Die aktuelle Attraktivität Chinas ist eher eine Reaktion darauf, als Ausdruck echter Begeisterung für China selbst“, sagte sie.

Der inzwischen verstorbene US-Politologe Joseph Nye, der das politikwissenschaftliche Konzept der „Soft Power“ geprägt hat, fand im Vorjahr deutliche Worte für die zweite Amtszeit von US-Präsident Donald Trump und die Folgen seiner Politik: „Trump versteht Macht nicht wirklich. Er denkt lediglich in Begriffen wie Zwang und Bezahlung“, sagte Nye der AFP. „Harte Zwangsgewalt mag kurzfristig funktionieren, schafft aber langfristig Anreize für andere, ihre Abhängigkeit von den USA zu verringern.“

Deutlich wurde das zuletzt bei der Münchner Sicherheitskonferenz: Europäische Politiker wie der deutsche Kanzler Friedrich Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron waren dort verbal um Abnabelung von den USA bemüht. China inszenierte sich als zuverlässiger Partner.

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