Die Nachwahl war mit großer Spannung erwartet worden, galt sie doch als Stimmungstest für Starmer, der zuletzt etliche Stürme durchsegeln musste. Dass die Arbeit in der Hochburg derart deutlich verliert, war aber kaum vorherzusehen.
Die grüne Kandidatin Hannah Spencer gewann im Wahlkreis Gorton and Denton, einem Vorort von Manchester, mit fast 15.000 Stimmen, wie die offiziellen Ergebnisse am Freitag zeigen. Auf Platz zwei kam die rechtspopulistische Partei Reform UK und Labour erst danach. Der BBC verlor Starmers Partei in dieser Region im Großraum Manchester seit 1931 nicht mehr – bis jetzt.
Labour-Kandidatin weit abgeschlagen
Die grüne Kandidatin Spencer ist eine 34 Jahre alte Installateurin. Sie hatten darauf gesetzt, dank der propalästinensischen Haltung ihrer Partei vor allem die Stimmen von Musliminnen und Muslimen zu bekommen, die 28 Prozent der Bevölkerung in dem Wahlkreis ausmachen.
Spencer machte in ihrer Siegesrede die soziale Gerechtigkeit zum Hauptthema und somit das ureigene Terrain der Labour-Partei. Sie sprachen kaum ökologische Fragen an, sondern attackierte „Milliardäre“, die auf Kosten der Arbeiterklasse gründeten. Sie wandte sich direkt an jene, die sich „zurückgelassen und isoliert“ fühlten. Labour könne nun nicht mehr behaupten, als einzige Partei das Potenzial zu haben, Reform zu schlagen, so Spencer. Mit ihrem Nachwahlsieg verfügen die Grünen nun über fünf Sitze im britischen Unterhaus, Labour muss einen abgeben.
Für Reform UK trat der 44-jährige Politikwissenschaftler Matt Goodwin an. Er erhielt rund 10.500 Stimmen. Labour löste die lokale Stadträtin Angeliki Stogia ins Rennen, die auf etwas mehr als 9.300 Stimmen kam. Die Nachwahl war notwendig geworden, nachdem die bisherige Labour-Abgeordnete aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten war.
Parteiinterner Flügelkampf
Zu der Niederlage in Manchester kam es unter anderem auch wegen einer parteiinternen Kontroverse über die Nominierung des Bürgermeisters von Greater Manchester, Andy Burnham. Seine Kandidatur war von der Labour-Parteispitze blockiert worden.
Burnham ist bei der Partei-Linken beliebt, sein Kandidaturversuch war allgemein als Vorlauf dazu bewertet worden, den zum rechten Parteiflügel zählenden Starmer herauszufordern. Der Premier unterstützt die unterlegene Stogia.
Krise in Dauerschleife
Die Niederlage von Labour ist ein weiterer schwerer Schlag für Starmer, der so unbeliebt ist wie kein anderer britischer Regierungschef seit Beginn der Umfragen. Politische Kehrtwenden, sinkende Popularität und Skandale machen Starmer seit Monaten das Regieren schwer.
Einer der jüngsten Anlässe für die Unzufriedenheit der Wählerinnen und Wähler war die Causa Peter Mandelson. Starmer hatte diesen zum Botschafter in den USA ernannt, obwohl er um die engen Kontakte Mandelsons zum verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein Bescheid wusste. Starmer hatte mit Epstein nichts zu tun, Mandelsons Kontakt zu Epstein war ihm jedoch bereits vor der Bestellung zum Botschafter bekannt.
Mandelson wurde im September als Botschafter abberufen, gegen ihn laufen Ermittlungen, weil er in seiner Zeit als Minister vertrauliche Finanzdaten der Regierung an Epstein weitergegeben und Geld angenommen haben soll. Mandelson wurde wegen Fehlverhaltens in einem öffentlichen Amt auch kurzzeitig festgenommen.
Auch Labour-Rücktrittsaufrufe an Starmer
Nicht nur die Opposition, sondern auch hochrangige Mitglieder von Starmers Labour-Partei hatten schon öffentlich seinen Rücktritt gefordert.
Nach der neuen Wahlschläge fallen die Kritik der Gewerkschaften, die traditionell als Rückgrat und wichtige Geldgeber der Labour-Partei besonders deutlich aus.
Andrea Egan, Generalsekretärin der größten britischen Gewerkschaft Unison, erklärte: „Starmer erhalte nun die Quittung für seine Politik.“ Eine Labour-Regierung muss für Arbeitnehmer und Flüchtlinge einstehen, anstatt die Rechtspopulisten die Agenda bestimmen zu lassen. „Unter Keir Starmer versagt die Partei auf ganzer Linie und überlässt den Grünen das Feld“, analysierte Egan. Der Versuch, sich mit den Reichen und Mächtigen gut zu stellen, sei gescheitert.
Der linke Labour-Abgeordnete Richard Burgon sah im Wahlergebnis die Bestätigung, dass der Versuch, Reform zu kopieren und gleichzeitig die Linke zu attackieren, in die Sackgasse führte. Diese Strategie habe „so viele Menschen verprellt, die früher Labour gewählt haben“, schrieb er auf der Plattform X.
Viele Rückschläge für Starmer
Tatsächlich musste Starmer in den 18 Monaten seit seinem Amtsantritt eine Kehrtwende nach den anderen vollziehen, weil ihm die eigene Fraktion die Gefolgschaft versagte. Etwa bei dem Plan, die Zahl der berechtigten Pensionistinnen und Pensionisten für einen Heizkostenzuschuss einzuschränken, und bei jenem, die Kriterien für eine Sozialleistung für Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen zu verschärfen.
Erfolge konnte Starmer lediglich auf dem internationalen Parkett verbuchen, etwa wenn es um die Gunst von US-Präsident Donald Trump ging. Doch auch das schien im Lichte des Grönland-Streits, in dessen Verlauf der Republikaner auch Großbritannien mit neuen Zöllen drohte, zu verpuffen.
Spekulationen über Ablöse
Schon seit Monaten wird spekuliert, dass die Labour-Fraktion Starmer aus dem Amt jagen könnte. Zudem wird in der Partei befürchtet, dass Labour bei den Regionalwahlen in Schottland und Wales sowie bei den Kommunalwahlen in England im Mai auf empfindliche Niederlagen zusteuert.
Spätestens dann rechnen viele mit einem Misstrauensantrag in der Fraktion. Größter Hemmschuh der parteiinternen Gegner Starmers ist bisher jedoch das Fehlen einer geeigneten Herausforderin oder eines Herausforderers.

