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Friday, April 17, 2026

Krieg in Nahost: Entsalzungsanlagen als Achillesferse

„Öl hat den Persischen Golf aufgebaut. Entsalztes Wasser hält ihn am Leben. Der Krieg könnte nun beide bedrohen“, schrieb kürzlich etwa AP. Auch bei CNN ist zu lesen, dass Öl und Gas die Golfregion innerhalb weniger Jahrzehnte von einer dünn besiedelten Region in wohlhabende Länder mit glänzenden, pulsierenden Städten verwandelt haben. Was bei der Entwicklung jedoch oft übersehen werde, sei der Einfluss der Meerwasserentsalzung.

Zwar verbietet humanitäres Völkerrecht Angriffe auf zivile Infrastruktur wie Trinkwasseranlagen, dennoch kam es in den vergangenen Wochen zu mehreren Zwischenfällen. Am Sonntag warf der iranische Energieminister den USA und Israel Angriffe auf die Energieinfrastruktur, aber auch auf „Dutzende Anlagen zur Wasserversorgung und -aufbereitung“ vor.

Gleichzeitig droht Teheran am Sonntag aber auch mit gezielten Angriffen auf Energieinfrastruktur und die Entsalzungsanlagen in der gesamten Golfregion. Die Drohung folgte im Gegenzug auf ein Ultimatum von US-Präsident Donald Trump. Dieser hatte dem Iran in der Nacht am Sonntag (MEZ) mit der Zerstörung seiner Energieanlagen gedroht, sollte das Land nicht innerhalb von 48 Stunden die Straße von Hormus vollständig und „ohne Drohungen“ öffnen.

Hunderte Anlagen entlang der Küste

Bereits Anfang März beschuldigte Bahrain den Iran, eine seiner Entsalzungsanlagen beschädigt zu haben. Zuvor hatte der Iran erklärt, ein US-Luftangriff habe eine iranische Anlage beschädigt, wodurch die Wasserversorgung für 30 Dörfer beeinträchtigt worden sei. Und auch aus Kuwait wurden Schäden an einer Entsalzungsanlage gemeldet.

APA/AFP/Fayez Nureldine (Archvibild)

„Öl hat den Persischen Golf aufgebaut. Entsalztes Wasser hält ihn am Leben. Der Krieg könnte nun beide bedrohen“, schreibt AP

Der Nahe Osten ist eine der weltweit trockensten Gegenden mit nur wenigen natürlichen Süßwasserressourcen und deshalb auf Entsalzung zur Wassergewinnung angewiesen. Hunderte von Entsalzungsanlagen befinden sich entlang der Küste des Persischen Golfs und versorgen Menschen im Nahen Osten mit lebenswichtigem Trinkwasser. Laut CNN handelt es sich um rund 100 Millionen Menschen.

Die Anlagen, die vor allem mit Öl und Gas betrieben werden, produzieren etwa 40 Prozent des weltweit entsalzten Wassers. In den Vereinigten Arabischen Emiraten entstammen 42 Prozent des Trinkwassers aus solchen Anlagen, in Kuwait sind es 90 Prozent, in Oman 86 Prozent und in Saudi-Arabien 70 Prozent, wie aus einer Studie des französischen Forschungsinstituts IFRI hervorgeht. Gerade kleinere Staaten wie Bahrain, Katar und Kuwait haben noch dazu wenig Reservevorräte.

Der Iran ist zwar stark von Wasserknappheit betroffen, betreibt bisher allerdings nur eine relativ geringe Zahl an Entsalzungsanlagen und bezieht den Großteil des Süßwassers aus Flüssen und Grundwasser.

„Wassersupermächte“

„Jeder denkt bei Saudi-Arabien und seinen Nachbarn an Petrostaaten. Aber ich nenne sie Salzwasserkönigreiche. Sie sind menschengemachte, fossil betriebene Wassersupermächte“, sagte Michael Christopher Low, Direktor des Nahost-Zentrums an der University of Utah, gegenüber AP.

Low bezeichnete die Entsalzungsanlagen als „monumentalen Erfolg des 20. Jahrhunderts“, verwies aber gleichzeitig auf ihre Verwundbarkeit. Ein konzertierter Angriff auf die Wasserinfrastruktur wäre jedenfalls eine nahezu „undenkbare Eskalation“, sagte er gegenüber CNN.

In einigen Ländern hätten Behörden zum Schutz gegen Raketen und Drohnen Raketenbatterien um die Anlagen herum aufgestellt, sagte Philippe Bourdeaux. Er ist Direktor bei Veolia, das mehrere Regionen in Saudi-Arabien mit entsalztem Wasser versorgt.

Entsalzungswerk in Jubail, Saudi-Arabien

Reuters/Saline Water Conversion Corporation (Archvibild)

Werden gezielt Entsalzungsanlagen angegriffen, kommt es zu einem Krieg „der weitaus verheerender ist als der heutige“, so die Wasserökonomin Crauser-Delbourg

CIA: Anlagen extrem anfällig für Sabotage

Bereits 2010 stellte der US-Auslandsgeheimdienst CIA in einer Analyse fest, dass mehr als 90 Prozent des entsalzten Wassers des Golfs aus nur 56 Anlagen stammten. Anlagen, die „extrem anfällig für Sabotage oder militärische Aktionen“ sind.

Komme es zu Angriffen auf die kritische Infrastruktur, könnten Ausfälle nicht nur Monate dauern, sondern auch nationale Krisen auslösen. Konkret hieß es, dass die „Störung der Entsalzungseinrichtungen in der Mehrheit der arabischen Länder schwerwiegendere Folgen haben könnte als der Verlust jeder anderen Industrie oder jedes anderen Rohstoffs“.

Warnung vor verheerenden Folgen

Auch die Wasserökonomin Esther Crauser-Delbourg warnte kürzlich gegenüber AFP im Fall von gezielten Angriffen auf das Wasser vor einem Krieg „der weitaus verheerender ist als der heutige“. Delbourg meinte, es könne zu einem Exodus aus den großen Städten kommen sowie zu Rationierungen. Wassermangel könnte auch zu einer wirtschaftlichen Kettenreaktion mit Auswirkungen auf Tourismus, Industrie und Datenzentren mit ihrem hohen Bedarf an Kühlwasser führen.

Der ausgetrocknete Urmia See im Iran

IMAGO/Bilder aus dem Nahen Osten/Morteza Aminoroayayi

Ausgetrockneter See im Iran: Aufgrund der Klimakrise wird der Bedarf an entsalztem Wasser steigen

Klimakrise: Dramatische Wechselwirkungen

Zu all dem kommt: Durch die klimawandelbedingte Erwärmung der Ozeane steigt die Intensität und Häufigkeit von Zyklonen, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Sturm- und Regenfluten auf die Küsten treffen und dort Entsalzungsanlagen beschädigen.

Auch die Anlagen selbst tragen zum Problem bei. Entsalzung ist nicht nur teuer, sondern auch energieintensiv, mit weltweit mehreren hundert Millionen Tonnen CO2-Emissionen jährlich. Das Nebenprodukt der Entsalzung, stark konzentrierte Sole, wird vertikal zurück in den Ozean geleitet, wo sie Meeresbodenlebensräume und Korallenriffe schädigen kann. Zugleich stellen Wasseraufnahmesysteme eine Gefahr für Fischlarven, Plankton und andere Organismen dar.

Da die Klimakrise Dürren sowie Extremwetterereignisse intensiviert und Waldbrände anheizt, wird jedoch erwartet, dass der Bedarf nach Entsalzung in vielen Teilen der Welt zunehmen wird. Demnach hält auch der Experte Low den Krieg derzeit zwar als groß, den Klimawandel aber als das weitaus größere Zukunftsrisiko. Der Iran erlebt laut Carbonbrief derzeit das sechste Jahr in Folge einer Dürreperiode.

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