18.9 C
New York
Tuesday, April 14, 2026

Junge besonders betroffen: Klaffende Lücke bei mentaler Gesundheit

Fast sieben Prozent der Erwachsenen geben an, unter psychischen Problemen zu leiden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des mehrjährigen EU-Projekts „Infra4NextGen“. Von September 2024 bis Juni 2025 haben knapp 16.000 Menschen aus elf europäischen Ländern immer wieder Fragen zu ihrer psychischen Gesundheit beantwortet.

Die Ergebnisse variieren mitunter deutlich. So beschreiben in Österreich rund 75 Prozent ihre psychische Gesundheit als „gut“ oder „sehr gut“. Damit liegt Österreich auf Platz zwei hinter Belgien (rund 77 Prozent).

Auf den letzten Plätzen reihen sich Ungarn, Portugal und Großbritannien ein. In Ungarn gaben gar weniger als die Hälfte der Befragten an, in guter oder sehr guter psychischer Verfassung zu sein.

Österreich auf dem Weg der Besserung?

Alexander Grabenhofer-Eggerth, Leiter der Abteilung psychosoziale Gesundheit bei der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), sieht hierzulande einen Aufwärtstrend in den letzten Monaten. „Wir beobachten in den aktuellen Daten eine stabile Situation, teilweise sogar Hinweise für eine leichte Verbesserung der psychischen Gesundheit, insbesondere bei Jugendlichen.“

Im Rahmen einer anderen Befragung, der Mental-Health-Days-Studie 2025, zeigte sich etwa, dass die Lebenszufriedenheit von Schülerinnen und Schülern etwas zunimmt und psychische Probleme verringert. Der Anteil derjenigen Schülerinnen und Schüler, die depressiv sind, ist von 15 Prozent 2024 auf zwölf Prozent gesunken. „Allerdings sind das Befragungsdaten und keine Repräsentativerhebung“, räumt Grabenhofer-Eggerth ein.

Mehr Bewusstsein bei Jungen

Aus dem Bericht der Infra4NextGen-Studie geht ebenfalls hervor, dass nicht nur individuelle Faktoren, wie etwa das unmittelbare soziale Umfeld, die mentale Gesundheit beeinflussen. Auch äußere Faktoren wie der Zugang zu Hilfsleistungen sowie aktuelle und vergangene Krisen wie die CoV-Pandemie, die Klimakrise oder wirtschaftliche und politische Instabilität spielen eine entscheidende Rolle, heißt es im Bericht.

„Alles Faktoren, mit denen junge Menschen heute konfrontiert sind“, wodurch sich die großen Unterschiede zwischen den Altersgruppen zum Teil erklären lassen würden, so die Studienautorinnen und -autoren weiter. Denn die unter 35-Jährigen berichten deutlich, unter psychischen Belastungen zu leiden (11,6 Prozent) als über 35-Jährige (5,4 Prozent).

Auch beim Bildungsstand zeigen sich Unterschiede, wenn auch geringere. Während 9,1 Prozent der Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau ihre mentale Gesundheit als „schlecht“ bis „sehr schlecht“ bezeichnen, sind es bei Menschen mit höherem Bildungsniveau nur 4,7 Prozent.

Der große Altersunterschied sei aber nicht nur auf eine stärkere Betroffenheit der Jungen zurückzuführen, erklärt Grabenhofer-Eggerth. „Das ist ein bisschen eine Henne-Ei-Frage“, so der Psychologe. Denn das Bewusstsein für mentale Gesundheit und die Bereitschaft, darüber zu sprechen und möglicherweise Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist in den letzten Jahren stetig gestiegen, insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Das zeigt sich auch bei der Internetnutzung.

Alternativen im Netz

Häufig genutzte Alternativen zu Hilfsangeboten sind Suchmaschinen, durch die sich Betroffene über psychische Krankheitsbilder und Behandlungsmöglichkeiten informieren. Rund 17 Prozent der Befragten haben mehrmals im Monat das Internet dafür genutzt – am häufigsten in Slowenien, Portugal und Großbritannien.

Die Studienautorinnen und -autoren warnen in diesem Zusammenhang allerdings vor Falschinformationen im Netz und weisen darauf hin, dass digitale, zielgruppengerechte Ressourcen mehr genutzt werden sollten, um die psychische Gesundheitsversorgung zu verbessern.

Wenig überraschend nehmen Befragte, die von schlechter mentaler Gesundheit berichten, weniger häufig Medikamente gegen Schlafmangel, chronische Schmerzen oder Konzentrationsschwierigkeiten.

Interessant ist hierbei die Verteilung zwischen den Alterskohorten: So nehmen ältere Medikamente gegen Schlafmangel oder chronische Schmerzen, Jüngere im Vergleich zu hohen Konzentrationsschwierigkeiten ein.

Mangelnde psychische Gesundheitsversorgung

Laut der Studie ist die Gesundheitsversorgung in vielen Ländern nach wie vor eingeschränkt. Vor allem mangelnde Verfügbarkeit (41 Prozent) und lange Wartezeiten (37 Prozent) nennen Betroffene als Problemfelder.

Eine am Mittwoch präsentierte Umfrage von Caritas und Volkshilfe warnt vor Budgetkürzungen im Sozialbereich, die jene besonders hart treffen, die ohnehin ein erhöhtes Armutsrisiko tragen. 97 Prozent der befragten im Sozialbereich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen davon aus, dass in Zukunft mehr Menschen keine passende Unterstützungsstelle mehr finden werden.

Im Bericht der EU-Studie sind abschließende Empfehlungen formuliert: Zugang zu zielgruppengerechter psychischer Gesundheitsversorgung – auch online, Maßnahmen zur Reduktion von Einsamkeit sowie Investition in Langzeitstudien und vergleichende Forschung.

Auch für Grabenhofer-Eggerth gibt es Luft nach oben in der Versorgung. „Im aktuellen Mental Health Atlas der WHO wird darauf hingewiesen, dass in den westlichen Industrienationen nur vier Prozent der Gesundheitsausgaben in die psychische Gesundheit fließen und viele Menschen unversorgt bleiben.“

Aus Sicht des Public-Health-Experten müssten daher in allen Bereichen – von der Gesundheitsförderung und -prävention, über die Versorgung bis hin zur Inklusion und Entstigmatisierung – noch stärkere Anstrengungen unternommen werden.

Related Articles

Latest Articles