Mehr als 30 Prozent stieg der Gaspreis allein am Dienstag, nachdem der wichtige Flüssiggasexporteur Katar am Montag seine LNG-Anlage in Ras Laffan wegen iranischer Drohnenangriffe geschlossen hatte. Seit Beginn des Krieges, den die USA und Israel gemeinsam mit ihren völkerrechtswidrigen Angriffen am Samstag beginnen, ist der Gaspreis damit um mehr als 80 Prozent gestiegen. Noch stärker war der Gaspreis zuletzt zum Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine vor vier Jahren gestiegen.
Ras Laffan ist der weltweit größte Terminal für Flüssiggasexport. Seit Beginn des Ukraine-Krieges haben europäische Staaten den Flüssiggasimport unter anderem aus Katar stark erhöht.
Betroffen sind aktuell aus allen asiatischen Ländern. Diese suchen nun fieberhaft nach Alternativen für ausgefallene Gaslieferungen, was auch die Preise auf dem europäischen Markt nach oben treibt. Dazu ist derzeit laut iranischen Angaben die Straße von Hormus gesperrt, die in der Region für Öl- und Gastransport wichtigste Wasserstraße.
Dauer des Krieges ausschlaggebend
Mit der Energiepreisspirale droht sich die Teuerung wieder stark zu beschleunigen. Zu beachten ist freilich, dass alles vom weiteren Kriegsverlauf abhing, insbesondere davon, wie lange der Krieg dauern wird. Zuletzt haben die USA widersprüchliche Signale zur möglichen Zeitspanne des Krieges gesendet.
Der EZB-Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB), Philip Lane, warnte aber ebenfalls bereits vor den Folgen für die Inflationsrate, sollte der Krieg länger dauern. „Ein Anstieg der Energiepreise übt insbesondere kurzfristigen Aufwärtsdruck auf die Inflation aus“, so Lane gegenüber der „Financial Times“.
Die Entwicklung weckt Erinnerungen an die Energiekrise nach Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022. Die Inflation in den Ländern der Euro-Zone stieg daraufhin stark an, in Österreich erreichte sie im Januar 2023 mit 11,2 Prozent den Höhepunkt. Mittlerweile liegt sie im Euro-Raum wieder bei rund zwei Prozent und damit im von der EZB angestrebten Bereich.
Regierung beruhigt
Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) beruhigte sich am Dienstag nach einer Sitzung der in Folge des Iran-Krieges eingerichteten „Taskforce Versorgungssicherheit“. Die Versorgungssicherheit sei sowohl bei Gas als auch bei Öl „gegeben“, die Preisentwicklung werde weiter beobachtet, so Hattmannsdorfer und WIFO-Ökonom Harald Oberhofer.
Die Taskforce trifft sich täglich zur neuen Lagebewertung. Die aktuellen Preisausschläge lägen auch „in der Natur der Märkte“, sagte Oberhofer.
Mehrfach betonten der Minister und Oberhofer im Pressegespräch, dass die aktuellen Preisausschläge bei Öl und Gas bisher keineswegs an Anstiege der vergangenen drei Jahre heranreichen und dass sich die Lage auch recht rasch wieder beruhigen könne. Kein Staat der Welt, weder die gegen den Iran kriegführenden USA noch das Hauptabnehmerland der Islamischen Republik China, hätten Interesse an einer volatilen, hohen Preislage für Energie, so der Tenor.
Berlin schließt neue Energiehilfen nicht aus
In den EU-Staaten könnte die jüngste Entwicklung dennoch die Debatte über Geist- und Energiepreisstützungen wiederbeleben. In Österreich lebten die nach dem russischen Überfall auf die Ukraine vorübergehend eingeführten staatlichen Energiepreishilfen erst im Vorjahr aus. In Deutschland wird die Regierung nun preisdämpfende Maßnahmen, etwa bei Sprit, zumindest nicht ausschließen, wie am Dienstag der Parlamentsgeschäftsführer Steffen Bilger der Unionsfraktionen in Berlin bestätigte.
Norwegen warnt vor Debatte über Russland-Gas
Norwegen befürchtet unterdessen, dass der Iran-Krieg die Debatte über ein Verbot russischer Gasimporte in der Europäischen Union neu entfachen könnte. „Die EU hat sehr deutlich gemacht, dass sie von russischem Öl und Gas unabhängig werden will“, sagte Energieminister Terje Aasland am Dienstag auf einer Konferenz in Oslo. „Aber die Ereignisse der letzten drei, vier Tage haben die Lage erschwert.“
Die EU-Staaten hatten erst im vergangenen Monat ein Verbot von Gasimporten aus Russland bis Ende 2027 endgültig festgelegt. Grund ist der anhaltende russische Krieg gegen die Ukraine. Norwegen ist der größte Gasproduzent Europas und deckt rund 30 Prozent des Bedarfs des Kontinents.
Energieexperte: „Markt wird nervöser“
Wie sich die Energiepreise in Europa und Österreich entwickeln und wie wahrscheinlich eine weitere Energie- und Treibstoffkrise ist, analysiert Energieexperte Johannes Benigni vom JBC.
Europas Speicher nach Winter weitgehend leer
Das Gros des Gases wird weltweit über Pipelines bezogen. Nur zehn bis 15 Prozent werden laut „Financial Times“ in Flüssiggas umgewandelt und verschifft. Doch davon wird rund ein Fünftel durch die Straße von Hormus transportiert. Das erklärt die enormen Preissprünge.
Während sich nach dem großen Ölpreisschock der 1970er Jahre die Welt mit großen Lagern ausgerüstet hat, ist das bei Erdgas nicht oder kaum der Fall. Großbritannien etwa hat keinerlei Speicher – in der EU sind sie weitgehend auf Österreich, Italien und Deutschland konzentriert. Doch auch deren Kapazitäten sind nach dem Winter gering. Derzeit liegen die Füllstände bei rund 21 Prozent, von der EU vorgeschrieben ist eine Mindestbefüllung von 30 Prozent; und vor dem nächsten Winter müssen sie zu 90 Prozent gefüllt werden. Das könnte teuer werden.

