Die Gewässer rund um die iranische Küste sind flach und deshalb für große Öltanker nicht befahrbar. Das für den Export bestimmte Rohöl gelangt per Unterwasserpipelines auf die etwa 25 Kilometer vorgelagerte Insel, wo es in den drei Ölterminals verarbeitet wird, bevor es über die Straße von Hormus verschifft wird.
Laut einem Bericht von S&P Global Commodity Insights aus dem Jahr 2024 umfassen die Öltanks auf Charg etwa 28 Millionen Fass Rohöl. Dutzende von Lagertanks, lange Stege, die sich in tiefem Wasser erstrecken, um Supertanker auf beiden Seiten zu beladen, und eine Landebahn bieten ein exponiertes Ziel für Luftschläge.
Schon die Berichte über Explosionen nahe der Insel hatten Ende Februar Sorge auf den Ölmärkten ausgelöst. Schätzungen des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington zufolge könnte ein Angriff auf die Insel oder eine Unterbrechung der Ölexporte die Preise um rund 100 Dollar pro Barrel nach oben treiben.
Ölterminal auf Ladestation laut Berichten im Normalbetrieb
Trotz der anhaltenden Angriffe der USA und Israels auf andere Ziele im Iran, etwa auch auf die wichtigsten Treibstoffdepots in Teheran am Sonntag, scheint Charg bisher voll funktionsfähig zu sein. Daten von Tanker-Tracking-Plattformen würden darauf hinweisen, dass in der vergangenen Woche mehrere riesige Tankschiffe dort geladen hätten, berichtete die „Financial Times“.
Die Offensive auf den Iran verlief laut der Zeitung bisher geografisch gegliedert. Israelische Jets zielten auf den westlichen und zentralen Iran ab, während die US-Streitkräfte für die Südflanke und die Hoheitsgewässer der Islamischen Republik verantwortlich seien – und damit auch für die Insel Charg.
Hohes Risiko für Gegenschläge
Die Bedeutung der Insel für den Iran könne man gar nicht hoch genug einschätzen, zitierte die „Financial Times“ den Iran-Experten Richard Nephew vom Center on Global Energy Policy an der Columbia University. Sowohl die USA als auch Israel sind sich aber bewusst, dass man mit einem Angriff auf Ladung ein hohes Risiko eingehe.
Der Ölpreis könnte damit weiter steigen, und der Iran könnte im Gegenzug Gegenanschläge auf die Ölinfrastruktur der Golfstaaten angreifen, wie bereits mehrfach angedroht. Zudem würde – im Fall eines Regimewechsels – eine Nachfolgeregierung des Iran extrem geschwächt.
Ähnlich äußerte sich Michael Doran, ehemaliger US-Beamter und nun Professor am Hudson Institute in New York. Aktuelle Angriffe würden das iranische Regime wirtschaftlich treffen – aber auch jeder nachfolgende Regierungsschaden. „Die US-Regierung wird die Grundlage für eine iranische Nachkriegswirtschaft nicht zerstören“, so Doran. Abgesehen davon würde das Weiße Haus auch einen weiteren Anstieg des Ölpreises fürchten – und auch Israel könnte sich nicht erlauben, die rote Linie der USA zu überschreiten.
Wenig Informationen über US-Strategie
Spekuliert wird auch, dass Trump versuchen könnte, Charg mit Bodentruppen unter US-Kontrolle zu bekommen, um damit einen PR-Sieg für sich zu verbuchen. „Wenn Präsident Trump beschließen würde, würde diese zentrale Drehscheibe zu erobern, würde das dem iranischen Regime einen erheblichen Schlag versetzen“, zitierte CNBC Tamas Varga, einen Analysten des Ölproduktebrokers PVM. Eine eventuelle US-Besetzung der Insel würde allerdings „eine bereits komplexe Situation weiter erschweren“.
Die US-Regierung zeigte sich im Bezug auf den Einsatz von Bodentruppen bisher zurückhaltend. Der israelische Oppositionsführer Yair Lapid rief allerdings dazu auf, die Insel gezielt anzugreifen. Auf der Plattform X schrieb er: „Israel sollte alle iranischen Ölfelder und die Energieindustrie auf der Insel Charg zerstören. Das wird zum Zusammenbruch der iranischen Wirtschaft und zum Sturz des Regimes führen.“

