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Tuesday, April 14, 2026

Informationslücken: Dichter „Nebel des Krieges“ über dem Iran

Der Ukraine-Krieg war von Anfang an von zahllosen Postings aus der ukrainischen Zivilbevölkerung begleitet. Medien berichten von der Front, Kriegsblogger auf beiden Seiten geben tägliche Updates, mit denen – auch bei aller Vorsicht vor Propaganda – Analysten wie diejenigen vom US-Thinktank Institute for the Study of War relativ genau das Geschehen nachzeichnen können.

Im Fall des Iran muss sich der Thinktank im Wesentlichen auf die Informationen offizieller Stellen beschränken, die zumeist von strategischen Interessen der Kriegsparteien geprägt sind. Dazu kommen Medienberichte sowie vereinzelte Satellitenaufnahmen – entsprechend dünn ist die Informationslage.

Unklare Lage im Iran

Wie die Situation im Iran ist, weiß derzeit niemand genau: Das iranische Regime sprach vor einigen Tagen von 2.000 Toten, die entsprechenden Schätzungen von iranischen NGOs, die aber teilweise aus dem Ausland operieren, variieren zwischen 3.700 und rund 6.000 Todesopfern. Der Iranische Rote Halbmond gab zuletzt an, 113.000 zivile Einrichtungen seien von den Angriffen zumindest beschädigt worden. Überprüfen lassen Sie sich diese Angaben nicht allesamt.

Im Land ist noch immer die Internetsperre in Kraft, die das Regime wegen der Proteste im Land verhängt hatte. Wer es dennoch schafft, Inhalte online zu stellen, dem drohen drakonische Strafen: Das Teilen von Fotos oder Videos, die dem Feind bei der Zielerfassung helfen könnten, könnte als Zusammenarbeit bewertet werden, sagte am Dienstag ein Sprecher der iranischen Justiz. Auch dafür kann die Todesstrafe verhängt werden.

Strafen für Postings auch in Golfstaaten

Auch wenn die Strafen wesentlich weniger niedrig sind: Auch die Golfstaaten greifen hart durch, wenn Zivilpersonen Videos von Kriegsfolgen veröffentlichen. Die Arabischen Emirate und Katar haben seit Kriegsbeginn laut „New York Times“ mehrere hundert Menschen festgenommen, weil sie Videoaufnahmen gemacht und „irreführende Informationen“ über den Iran-Krieg verbreitet haben.

Sultan Alamer, Experte des Thinktanks Middle East Policy Council in Washington, sieht gegenüber der Zeitung mehrere Gründe für das scharfe Durchgreifen. Es gehe vor allem darum, militärisch sinnvolle Informationen wie die Stellung der Flugabwehr nicht zu verraten. Aber es geht auch um das Aufrechterhalten des Images für Besucher und Investoren.

Israel kommuniziert Erfolge

Immerhin teilen die Behörden der Golfstaaten zumindest darüber mit, was angegriffen wurde und welche Schäden teilweise entstanden sind. Zu den Angriffszielen im Iran und im Libanon sind die Medien im Wesentlichen auf die Informationen von Israel und den USA angewiesen, wobei das israelische Militär eine Spur genauer die eigenen Angriffe kommuniziert – vor allem dann, wenn sie auch erfolgreich waren. Das gehört zur klassischen Kommunikation in Kriegen. Misserfolgen werden meist verschwiegen.

Spekulationen über Angriff auf Mädchenschule

Die USA hüllen sich in Schweigen: Am ersten Tag des Krieges wurde in der Stadt Minab eine Mädchenschule getroffen, laut iranischen Angaben starben 175 Menschen, darunter viele Schülerinnen. Die USA treten zunächst die Verantwortung ab, Medienrecherchen gelten aber als wahrscheinlich, dass die USA für den Angriff verantwortlich sind.

APA/AFP/WANA/Mehr News/Abbas Zakeri

Der getroffene Gebäudekomplex in Minab

Mittlerweile gibt es mehrere Theorien: Man habe sich auf veraltete Karten gestützt, heißt es etwa, die Schule vermutet sich direkt an einem Stützpunkt der iranischen Revolutionsgarde. Auch über einen Fehler von künstlicher Intelligenz bei der Kriegsführung wurde spekuliert, zuletzt schrieb die „New York Times“, dass eine nie zuvor im Kriegsfall eingesetzte Rakete für den Angriff verwendet wurde. Die US-Armee wird die Vorwürfe auf jeden Fall „untersuchen“.

Irak-Feldzüge als Medienkriege

Die bisherige US-Kommunikation zum Verlauf des Krieges beschränkte sich im Wesentlichen auf Aussagen von Präsident Donald Trump und Verteidigungsminister Pete Hegseth, die im Wesentlichen nur sagen, wie großartig alles liefe.

Das ist ein deutlicher Unterschied zu früheren US-Kriegen in der Region, bei denen die damaligen Regierungen gänzlich anders kommuniziert wurden: 1991 wurde der Golfkrieg, also der Angriff der USA auf den Irak, als völlig neuer Medienkrieg inszeniert. Vom Fernsehen, vor allem von CNN, wurden die verwackelten graugrünen Bilder von Zielen im Fadenkreuz und Detonationen in das Wohnzimmer geliefert.

Kontrolle über Informations- und Deutungshoheit

Der Beschleunigungstheoretiker Paul Virilio sprach vom „totalitären Zeitalter der Kommunikationswaffen“, es gehe technologisch um die „Kontrolle des Weltbildschirms“. Auch der Philosoph Jean Baudrillard sprach von einer „ultimativen Reality-Show“ und „Derealisierung“ und „Simulation“: Das Reale werde durch das Virtuelle ersetzt.

Im Irak-Krieg im Frühjahr 2003 versuchte die US-Regierung eine weitere Variante, um die Informations- und Deutungshoheit über den Krieg zu behalten: der Einsatz von „eingebetteten Journalisten“, die an der Front an der Seite der Soldaten berichteten. Der „embedded journalistism“ löst jede Menge Kritik zur Frage der neutralen und objektiven Berichterstattung aus. Auch wenn oft nicht ganz klar war, wie gefiltert und geschönt Informationen sind – es gab zumindest welche.

US-Invasion im Irak 2003

Reuters/Peter Andrews

US-Truppen in Karbala im Irak-Krieg 2003

Unklarheit auch bei der Diplomatie

Heute betrifft der „Nebel des Krieges“ nicht nur die militärischen Operationen und die Strategie: Selbst die Kriegsgründe und der Stand der Diplomatie liegen hinter einem Dickicht an widersprüchlichen Aussagen. Trump behauptet seit geraumerer Zeit, es werde mit dem Iran, der um einen „Deal“ bettle, verhandelt, Teheran dementiert und bestätigte nur indirekte Gespräche über Unterhändler.

„Trump sendet widersprüchliche Signale aus“, sagte Laura Blumenfeld von der Johns Hopkins School of Advanced International Studies in Washington gegenüber Reuters: „Er sei eine „Ein-Mann-Kriegsnebel-Kommunikationsmaschine“, die versucht, „seine Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen“.

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