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Sunday, March 15, 2026

Große Retrospektive: Gustave Courbet als „Realist und Rebell“

Ein Frauentorso fällt mit gespreizten Beinen, zentralperspektivisch so komponiert, dass der Blick exakt auf die Vulva – so fein gemalt, dass sich das Schamhaar naturgetreu kräuselt und man zarte, blaue Äderchen unter der Haut zu erkennen glaubt. Allein mit der Ausstellung des Gemäldes „Der Ursprung der Welt“ (1866) ist dem Leopold Museum ein Coup gelungen. Courbets berühmtestes Werk ist eines der meistdiskutierten und -zitierten der Kunstgeschichte.

Eine „Hommage an die Weiblichkeit, an die Schöpfung und ihre Mysterien“ nannte es etwa die französische Kuratorin Laurence Madeline. Fragmentierter Frauenkörper, der ganz auf den voyeuristischen männlichen Blick zugerichtet ist, kritisierten andere. 2024 wurde das Gemälde mit einem „’MeToo“-Schriftzug beschmiert. Bereits 1989 war die gewiefte Antwort der französischen Body-Art-Künstlerin Orlan in Form eines Bildes erfolgt, das einen Penis zeigte und „Der Ursprung des Krieges“ betitelt war.

Fotostrecke mit 13 Bildern

Foto: GrandPalaisRmn (Musée d’Orsay)/Hervé Lewandowski

„Der Ursprung der Welt“, 1866

Kunstwerk „Die Schläferinnen, 1866“ von Gustave Courbet

Foto: Paris Musées/Petit Palais, Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris

„Die Schläferinnen“, 1866

Kunstwerk „Nach dem Abendessen in Ornans, 1849“ von Gustave Courbet

Foto: GrandPalaisRmn (PBA, Lille)/Philipp Bernard

„Nach dem Abendessen in Ornans“, 1849

Kunstwerk „Selbstporträt oder Der Mann mit dem Hund, 1842“ von Gustave Courbet

Foto: 28 A 88 – Sammlung Musée d’Art et d’Histoire de Pontarlier – Frankreich

„Selbstporträt oder Der Mann mit dem Hund“, 1842

Kunstwerk „Der Mann mit dem Ledergürtel. Porträt des Künstlers, 1845/46“ von Gustave Courbet

Foto: GrandPalaisRmn (Musée d’Orsay)/Hervé Lewandowski

„Der Mann mit dem Ledergürtel. Porträt des Künstlers“, 1845/46

Kunstwerk „Der Verwundete, 1866“ von Gustave Courbet

Foto: Belvedere, Wien

„Der Verwundete“, 1866

Kunstwerk „Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet, 1854“ von Gustave Courbet

Foto: Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole/Frédéric Jaulmes

„Die Begegnung oder Bonjour, Monsieur Courbet“, 1854

Kunstwerk „Der Bachlauf der Brême, 1866“ von Gustave Courbet

Foto: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid

„Der Bachlauf der Bremen“, 1866

Kunstwerk „Die Quelle des Lison, um 1864“ von Gustave Courbet

Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB/Andres Kilger

„Die Quelle des Lison“, um 1864

Kunstwerk „Forelle, 1872“ von Gustave Courbet

Foto: Kunsthaus Zürich

„Forelle“, 1872

Kunstwerk „Das Schloss Chillon, 1874“ von Gustave Courbet

Foto: Musées de Belfort/Philippe Martin

„Das Schloss Chillon“, 1874

Kunstwerk „Selbstporträt in Sainte-Pélagie, 1872“ von Gustave Courbet

Foto: Musée départemental Gustave Courbet/Pierre Guenat

„Selbstporträt in Sainte-Pelagie“, 1872

Kunstwerk „Porträt von Gustave Courbet, 1866“ von Gustave Courbet

Foto: Leopold Museum, Wien

Porträt von Gustave Courbet, 1866

Erst zweimal ist das Gemälde gereist, das nach Jahrzehnten im Privatbesitz seit 1995 im Pariser Musee d’Orsay ausgestellt ist: 2008 im Metropolitan Museum war es erst ab 18 Jahren zugänglich. Das Leopold Museum hängt vorsorglich hinter Schutzglas. Auf Plakaten wirbt man mit dem angeschnittenen Sujet – die fragmentierte Frau werde „erneut zerstückelt“, kritisierte die feministische Kunsthistorikerin Nina Schedlmayer im Vorfeld. Noch immer fällt es schwer, einen Umgang damit zu finden.

Umfassende Retrospektive

In Österreich war die Kunst des berühmtesten Vertreters des Realismus bisher fast gar nicht zu sehen, das Leopold Museum zeigt nun ein umfassendes Bild vom Werk des „Realisten und Rebells“, wie es im Ausstellungsuntertitel heißt. Ganze 63 Leihgeber sind beteiligt, rund 90 Gemälde, 20 Zeichnungen und 20 Archivalien wurden zusammengetragen. „Die ersten Gespräche haben schon 2018 stattgefunden“, so der Direktor des Museums, Hans-Peter Wipplinger, gegenüber ORF.at.

Als Highlights gelten „Die Begegnung (Bonjour, Monsieur Courbet)“ (1854), „Die Steinklopfer“ (1849) und „Der Schlaf“ (1866), das, wie es heißt, erste bekannte Gemälde einer lesbischen Liebesszene. Komplettiert wird die Schau durch Porträts und Selbstporträts, Jagdbilder, Akte, Landschafts- und Meeresdarstellungen, darunter auch zwei Landschaftsbilder aus eigenem Besitz: Der Parcours präsentiert Courbet als in mehrfacher Hinsicht unkonventionellen Maler und gewieften Selbstvermarkter, der die Grenzen etablierter Genres und klassischer Vermarktungsmöglichkeiten aufzubrechen versuchte.

Kunstwerk „Die Steinklopfer, um 1849“ von Gustave Courbet

Foto: Die Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“, Winterthur

„Die Steinklopfer“, um 1849

Einfacher Mann auf großer Leinwand

Im Klassizismus waren großformatige Historienszenerien, die vor Pathos, Opulenz und Theatralik nur so strotzten, populär. Courbet wollte dagegen keine Helden oder Heiligen, sondern die ungekürzte, profane Wirklichkeit zur Darstellung bringen – untrennbar verbunden mit seinen radikal-demokratischen, sozialistischen Idealen.

In „Die Steinklopfer“ zeigt er einen älteren Mann und einen jungen Burschen mit abgetragenen Kleidern bei der harten Arbeit. „Er hat dem einfachen Mann von der Straße die Bildwürdigkeit zugestanden. Das ist schon ein ziemliches Statement weg von dem schönen Schein der Klassizisten“, so Wipplinger.

Das Alltägliche wird auch in „Nach dem Abendessen in Ornans“ gefeiert, mit dem Courbet 1849 der Durchbruch gelang: ein alltägliches, alltägliches Zusammensitzen mit Freunden und Familie, erhoben zum großformatigen Motiv – damals ein Novum.

Autodidakt aus wohlhabender Bauernfamilie

Courbet, 1819 geboren, stammt aus einer wohlhabenden Bauernfamilie in Ornans im östlichen Frankreich. Mit 20 Jahren geht es nach Paris, offiziell um Jus zu studieren, vor allem aber mit dem Vorhaben, Maler zu werden. Der bohemehafte Einzelgänger unterrichtete sich im Louvre selbst vor den Gemälden der Alten Meister.

Ausstellungshinweis

„Gustave Courbet. Realist und Rebell“, Leopold Museum, MQ Wien, bis 21. Juli. Täglich außer täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, an Feiertagen geöffnet

An Selbst- und Sendungsbewusstsein mangelte es ihm nicht: Gleich 50 Selbstporträts sind bekannt. Das Leopold Museum zeigt eine Auswahl: Einmal sehr feminin und melancholisch im Rembrandtschen Licht- und Schattenspiel, einmal als verwegenen, verträumt dreinblickenden Revolutionär mit Pfeife im Mundwinkel. In „Die Begegnung (Bonjour, Monsieur Courbet)“ sieht man ihn als Künstlerpersönlichkeit, die beim Spaziergang seinem wichtigsten Sammler selbstbewusst das Kinn entgegensetzt.

Als „arrogantester Mann Frankreichs“ bezeichnete sich das Marketinggenie einmal selbst. Weil die Kommission der Pariser Weltausstellung nur drei seiner 14 Gemälde annahm, entschied sich Courbet kurzer Hand, seinen eigenen Pavillon vor den Türen der Weltausstellung zu bauen – damit gilt er als Erster, der die Vormachtstellung des offiziellen Kunstbetriebs unterwanderte.

Abstraktion in der Landschaftsmalerei

Von der stillen, introspektiven Seite erzählen Courbets dagegen die Landschafts- und Meeresbilder. Sie offenbaren gleichzeitig einen unkonventionellen Techniker, der mit den akademischen Traditionen brach.

Für seine dunklen, fast urweltlichen Darstellungen von Flussläufen, Höhlen und Grotten in seiner Heimatregion Ornans taucht er die Spachtel in Farbe oder trug die Farben mit Fetzen und Fingern auf. Fast abstrakt malte Courbet manche Ausschnitte und wurde damit auch zum Vorbild für Gerhard Richter.

Pariser Kommune und Wien-Bezug

In der 1871 gegründeten, revolutionären, sozialistischen Pariser Kommune galt Courbet als führende Persönlichkeit, die ihm später zum Verhängnis wurde. Am Sturz der Place-Vendome-Säule war er nicht direkt beteiligt, er wurde aber als Hauptschuldiger identifiziert und verließ nach kurzer Gefängnisstrafe Frankreich, um sich Entschädigungszahlungen zu entziehen.

Hier schließt sich der Kreis zur aktuellen Ausstellung, denn auch Wien war ursprünglich als Exilort angedacht. Tatsächlich ging Courbet in die Schweiz, war aber vorher noch, im Jahr 1873, an einer Gruppenpräsentation im Österreichischen Kunstverein beteiligt. Für seinen revolutionären Blick gab es in der monarchistisch eingestellten heimischen Presse aber kein Verständnis. Als „Leiter einer Sozialistenbande“ wurde Courbet von der „Wiener Neuen Presse“ genannt, so Wipplinger.

Die Schau bringt nun sozusagen späte Gerechtigkeit: Das Leopold Museum präsentiert die spannende Malerpersönlichkeit in Form einer klassischen Personale, die Courbet in Wien nie bekommen hat. Eine kritische, diskursive Einbettung des großen Skandalwerks „Der Ursprung der Welt“ lässt die Schau aber vermissen.

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