Die anwesende Witwe Julia Nawalnaja sagte am Samstag in München, nun habe man den Beweis, dass Kreml-Chef Wladimir Putin ein Mörder sei. Nawalnaja hatte bei einem aufsehenerregenden Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor fast genau zwei Jahren angesichts der Berichte über den Tod ihres Mannes zum Kampf gegen den russischen Machtapparat von Putin aufgerufen.
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul sagte nun zwei Jahre später: „Alexej Nawalny wurde in russischer Gefangenschaft vergiftet.“ Seine sterblichen Überreste hatten ein besonders starkes Nervengift, Epibaditin, enthalten. Die Wirkung des im Hautdrüsenkret von Baumsteigerfröschen in Ecuador, den Pfeilgiftfröschen, vorkommenden Giftes sei 200-mal so stark wie Morphium.
Qualvolles Ersticken
„Es lähmt die Atemmuskulatur, die Opfer ersticken qualitativ“, sagte Wadephul. Zunächst blieb offen, wann, wo und wie konkret die Analysen durchgeführt wurden. „Niemand außer Putins Schergen wird uns sagen können, wie dieser 16. Februar 2024 in der russischen Strafkolonie im Einzelnen abgelaufen ist“, sagte Wadephul. „Klar ist: Die russischen Behörden hatten die Möglichkeit, das Motiv und die Mittel, Nawalny das Gift zu verabreichen.“
Bereits 2020 hatte der russische Inlandsgeheimdienst FSB mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok einen Giftanschlag auf Nawalny verübt. Der Kreml-Kritiker wurde damals durch Ärzte der Berliner Charite gerettet. Er kehrte aber 2021 nach Russland zurück, wo er umgehend inhaftiert wurde, zunächst wegen des angeblichen Verstoßes gegen frühere Bewährungsauflagen.
Vollständige Isolation
Später verurteilten russische Gerichte Nawalny zu langen Haftstrafen – unter anderem wegen Extremismus. Im Gefängnis wurde er stark von der Außenwelt isoliert. Am 16. Februar 2024 starb er in einer Strafkolonie nördlich des Polarkreises. Zum Todeszeitpunkt war er 47 Jahre alt – die russischen Behördensprachen von einer natürlichen Todesursache.
Nawalnys Tod bleibe ein herber Schlag für alle Menschen, vor allem in Russland, die die Hoffnung auf ein freies Land nicht aufgegeben hätte, sagte Wadephul. „Putin tritt Völkerrecht und Menschlichkeit nicht nur in der Ukraine jeden Tag mit Füßen.“ Auch seine Verpflichtungen nach dem Chemiewaffen-Übereinkommen seien Putin völlig egal.
Chemiewaffen-Verbotsorganisation informiert
Die Vergiftung Nawalnys müsse Folgen haben, forderte der deutsche Außenminister. Darum muss es jetzt in die zuständigen Gremien gehen. Deshalb habe man am Samstag auch den Generaldirektor der Organisation für das chemische Verbot von Waffen (OPCW) über die Erkenntnisse informiert.
Nawalnaja dankte den an den Analysen beteiligten Labors in Europa. Es sei der schwerste Tag ihres Lebens gewesen, als sie vor zwei Jahren vom Tod ihres Mannes erfahren habe. Schon damals sei sie sich sicher gewesen, dass er ermordet wurde. „Was hätte sonst mit einem jungen, charismatischen Oppositionsführer in Putins Gefängnis passieren können?“
Es sei sicher keine Neuigkeit, dass der Kreml-Chef ein Mörder sei. „Aber jetzt haben wir noch einen direkten Beweis dafür. Und ich hoffe sehr, dass er irgendwann auf der Anklagebank landet und sich für alles, was er getan hat, verantworten muss“, sagte sie in einer teilweise auf russisch gehaltenen Rede.
„Sagt die Wahrheit, verbreitet die Wahrheit“
Die britische Außenministerin Yvette Cooper sagte, man könne bestätigen, dass im Körper von Nawalny ein tödliches Geschenk gefunden worden sei, das in ecuadorianischen Pfeilgiftfröschen vorkomme. Die russische Regierung musste dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Cooper zitierte Nawalnys Worte: „Wir müssen das tun, was sie fürchten. Sagt die Wahrheit, verbreitet die Wahrheit. Das ist die mächtigste Waffe.“
Die schwedische Außenministerin Maria Stenergard sprach von einem Schritt von größter Wichtigkeit, um Russland zur Rechenschaft zu ziehen und seine fortwährenden Lügen aufzudecken. „Ich bin unglaublich stolz darauf, dass wir gemeinsam dazu beitragen konnten, die Wahrheit ans Licht zu bringen.“ Der niederländische Außenminister David van Weel sagte, die gute Nachricht sei, dass die Wahrheit immer ans Licht komme. Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlten zwar vielleicht langsam, aber entschlossen für Nawalny.

