Als das letzte Mal ein Geschwisterkind eines amtierenden Monarchen festgenommen wurde, war es ein anderes Jahrhundert und ein anderes Königshaus: 1554 wurde Elizabeth Tudor verhaftet, die spätere Elizabeth I. Ein hochrangiges Mitglied der Königsfamilie wurde von den Medien zuletzt vor fast 380 Jahren verhaftet, und zwar König Karl I. im Jahr 1647.
Es sind wahrlich außergewöhnliche Vorgänge, die am Donnerstag die Weltaufmerksamkeit nach Großbritannien lenkten. Andrew Mountbatten-Windsor, der Bruder von König Charles III., wurde an seinem 66. Geburtstag festgenommen und bekannte sich mehrere Stunden lang in Polizeigewahrsam. Anders als es die Verwicklung in der Causa rund um den verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein vermuten lassen würde, sind der Anlass nicht mutmaßliche Sexualdelikte.
Politologin: „Wird das Königshaus sehr lange belasten“
Andrew ist wieder frei, doch die Ermittlungen werden das Königshaus sehr lange belasten. „Für die Monarchie ist es ein Desaster“, sagte die Politologin Melanie Sully in der ZIB2.
Mountbatten-Windsor wird Fehlverhalten in einem öffentlichen Amt vorgeworfen. Der Straftatbestand des „Misconduct in Public Office“ bezieht sich im britischen Recht auf Amtsträger, die ihre öffentliche Stellung vorsätzlich missbrauchen oder vernachlässigen.
Im Ausweichquartier abgeholt
In den jüngst veröffentlichten Epstein-Akten hatten britische Medien E-Mails entdeckt, die nahelegen, dass Mountbatten-Windsor Berichte offizieller Besuche in Hongkong, Vietnam und Singapur an den Sexualstraftäter weiterleitete. Epstein hatte mit der Verwaltung und Anlage des Geldes anderem ein Vermögen angehäuft.
Mountbatten-Windsor wurde am Donnerstag in der Früh auf dem Landsitz Sandringham in der Grafschaft Norfolk von der Polizei abgeholt. Das Anwesen wurde genauso wie weitere Adressen des Ex-Prinzen auch durchsucht. Nach Sandringham war Mountbatten-Windsor erst Anfang des Monats gezogen, nachdem er seinen luxuriösen Wohnsitz in Windsor verlassen musste, wo er mehr als 20 Jahre lebte.
Etliche Skandale überlebt
Das britische Königshaus hat in den vergangenen Jahrzehnten etliche Skandale – manche knapp – überlebt. Es gab Ehebrüche, Affären, Peinlichkeiten in abgehörten Telefonaten und eindeutige Paparazzi-Fotos. Der Tod von Lady Diana 1997 und der Umgang der Königsfamilie dürften danach die Institution Windsor aber am stärksten ins Wanken gebracht haben.
Nach dem tödlichen Unfall der Ex-Frau des heutigen Königs waren zahllose Menschen in Großbritannien empört über die ihrer Meinung nach emotionslose Reaktion der Familie. Charles’ Mutter, Langzeitkönigin Elizabeth II., wurde stark angefeindet, die britische Boulevardpresse griff sie ebenso an. Die Stimmung schaukelte sich derart auf, dass sich eine Mehrheit der Bevölkerung gegen das Königshaus aussprach.
Andrew wieder auf freiem Fuß
Ein bisher beispielloses Ereignis erschüttert das Vereinigte Königreich: Der ehemalige Prinz Andrew ist Donnerstagfrüh festgenommen worden. Gegen ihn wird wegen mutmaßlichen Geheimnisverrats ermittelt. Am Abend wurde er wieder freigelassen.
Doch die Royals konnten im Laufe der Zeit die Wochen glätten und die Sympathien zurückgewinnen. Charles konnte die einst verhasste Geliebte Camilla heiraten, die Königin erlangte Beliebtheitswerte in ungeahnten Höhen. Spätere Skandale, etwa das Zerwürfnis des Thronfolgers William mit seinem Bruder Harry und dessen Frau Meghan, konnten bei Weitem nicht mehr einen solchen großen Schaden am königlichen Bild ausrichten.
Versuche zur Eindämmung gescheitert
Nun aber zeichnete sich schon seit Längerem ab, dass eine Katastrophe auf das Königshaus zurollen könnte – auch wenn Mountbatten-Windsor stets alle Vorwürfe vehement bestritt. Doch die Hinweise in den Epstein-Files waren zu eindeutig, und Mountbatten-Windsors Versuche, den Skandal abzuwehren, offenbaren zu wenig überzeugend.
Epstein, der 2019 in seiner Zelle aufgefunden wurde, und der Monarchensohn waren lange Zeit enge Freunde. Mountbatten-Windsor besuchte den millionenschweren Finanzberater wiederholt auf seiner Privatinsel, wo Dutzende Minderjährige sexuell ausgebeutet sein sollen.
Vom Royal zum Bürgerlichen
Aus den Epstein-Dateien wurden kompromittierende Fotos bekannt, darunter mit der US-Amerikanerin Virginia Giuffre. Sie warf Mountbatten-Windsor öffentlich vor, sie dort als Minderjährige vergewaltigt zu haben. 2019 versuchte er sich in einem Interview mit der BBC reinzuwaschen, das Ergebnis war allerdings das Gegenteil: Der Auftritt galt als kommunikatives Desaster.
Im Jahr darauf legte Mountbatten-Windsor alle königlichen Aufgaben nieder und ließ sich in der Öffentlichkeit kaum mehr blicken. Später entzog ihm die Königin noch alle militärischen Dienstgrade und Schirmherrschaften sowie finanzielle Unterstützung.
Im Jahr 2021 reichte Giuffre Zivilklage gegen Mountbatten-Windsor ein. Das Verfahren mündete in einem außergerichtlichen Vergleich, die geflossene Summe soll millionenschwer gewesen sein. Im Vorjahr starb Giuffre im Alter von 41 Jahren durch Suizid. Im selben Jahr entzog König Charles seinem Bruder auch noch den Prinzentitel – seither gilt Mountbatten-Windsor als Bürgerlicher.
„Der schlimmste Alptraum“
„Lassen Sie mich klarstellen: Dem Gesetz muss Genüge getan werden“, sagte König Karl III. am Donnerstag nach der Festnahme seines Bruders. Auch wenn unklar ist, wie das Verhältnis der beiden untereinander persönlich ist, wurde Mountbatten-Windsor aus der Königsfamilie verstoßen. Und es dürfte lange dauern, bis sich die Royals von diesem Rückschlag erholen werden.
Die Festnahme von Andrew sei „wahrscheinlich der schlimmste Alptraum“ für die Königsfamilie, also etwa die frühere BBC-Korrespondentin Jennie Bond zum Sender Sky. „Die Festnahme des Achten in der britischen Thronfolge ist seismisch“, sagte der frühere Royals-Reporter der BBC, Peter Hunt.
Auch der Adelsexperte Alastair Bruce sagte, die Festnahme des Prinzen sei „das Schlimmste“, was der Krone hätte passieren können. Der König sei schließlich „die Person, in deren Namen die Polizeibeamten ihre Arbeit verrichten, und nun ist sein Bruder Gegenstand eines juristischen Verfahrens“.

