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Sunday, April 12, 2026

Energiekrise als Chance: Grüner Strom statt schwarzes Gold

Der Leiter der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, hat den Iran-Krieg unlängst als „schlimmste globale Gefährdung der Energiesicherheit in der Geschichte“ bezeichnet. Dabei zeigt die aktuelle Ölkrise aber auch, welche Länder bei der Dekarbonisierung vorn liegen und wer Aufholbedarf hat.

Unterdessen werden jene Stimmen, die umso mehr einen schnelleren Ausstieg aus fossilen Brennstoffen fordern, immer lauter. Denn mit dem Ausbau erneuerbarer Energien kann nicht nur die Produktion von schädlichen Treibhausgasen in der Energiegewinnung reduziert und auf Energieträger gesetzt werden, die sich natürlich regenerieren. Auch die politische und ökonomische Unabhängigkeit könnte so gestärkt werden, so das Argument der Befürworterinnen und Befürworter.

Vor Beginn des Iran-Krieges lag der Preis für ein Barrel Rohöl noch bei rund 70 US-Dollar. Seit der durch den Krieg ausgelösten Energiekrise ist der Preis auf bis zu schnell 120 US-Dollar gestiegen. Das entspricht einem Anstieg um etwa 70 Prozent. Ähnliche Preisanstiege sind auch beim Gaspreis zu verzeichnen.

Profiteure des Ausbaus erneuerbarer Energien

Einer der ersten Vorreiter in Sachen Ausbau der erneuerbaren Energien in Europa war Spanien, wo in der aktuellen Krise auch die Strompreise vergleichsweise stabil geblieben sind. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zwar wurde der Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung auf der iberischen Halbinsel konsequent vorangetrieben. Spanien setzt aber nach wie vor auf Atomkraft, ähnlich wie Schweden, Finnland und Frankreich.

Ganz ohne Atomkraft und fast ausschließlich mit erneuerbaren Energien kommt Norwegen aus, wo besonders der Anteil der Wasserkraft sehr hoch ist. Auch in Österreich setzt man vor allem auf Wasser als erneuerbare Energiequelle. Bei der Windkraft ist etwa noch Potenzial nach oben. Hier soll unter anderem das neue Gesetz zum beschleunigten Erneuerbaren-Ausbau (EABG) das nötige Tempo bringen.

Das kann auch die Strom- und Heizkosten für Industrie und Haushalte stabilisieren und senken, sagt E-Control-Vorstand Alfons Haber gegenüber ORF.at: „Je mehr erneuerbare Energie man selbst erzeugt, desto unabhängiger ist man mit weltweiten Preis und im Hinblick auf die Versorgungssicherheit.“

Die Abhängigkeit von Öl und Gas hat sich nicht zuletzt bereits im Rahmen des Ukraine-Kriegs als Europas ökonomische und klimapolitische Achillesferse entpuppt. Aktuell sei der kurzfristige Strommarkt noch stabil, weil vor allem untertags erneuerbarer Strom verfügbar sei, erklärt Haber.

Ökostrom als Stabilisierungsfaktor

Entscheidend für die aktuelle Preisgestaltung ist nämlich der Zeitpunkt, zu dem der Strom erzeugt wird. „Hierzulande sehen wir höhere Preise in der Früh und Abends, weil dann der Strom von den Gaskraftwerken erzeugt wird. Untertags sinken die Preise, weil da zum Beispiel mehr Solarstrom verfügbar ist“, so der E-Control-Vorstand.

Dass das letzte noch benötigte Kraftwerk den Strompreis bestimmt, macht einen Vergleich zwischen Italien und Spanien sehr deutlich. Während in Spanien zuletzt nur 15 Prozent der Zeit ein fossiles Kraftwerk Strom einspeiste, war das in Italien zu 89 Prozent der Zeit der Fall.

„Demgemäß schlägt der höhere Gaspreis nun in Italien viel stärker auf den Strompreis durch“, erklärt Karl Steininger, Leiter des Wegener Centers für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz. Der durchschnittliche Strompreis sei in Italien in der ersten März-Hälfte bei 142 Euro pro Megawattstunde gelegen, in Spanien lediglich bei 59 Euro, so der Klimaökonom gegenüber ORF.at.

Auch Lieferketten betroffen

Die stockenden Lieferketten machen auch vor Produkten, die für erneuerbare Energieprojekte notwendig sind, nicht Halt. Denn auch wichtige Komponenten für Solarmodule oder Windkraftprojekte sind aufgrund der teilweise gesperrten Straße von Hormus rar.

„Auf die Produzenten im Nahen Osten entfallen rund neun Prozent der weltweiten Aluminiumproduktion, und die instabile Lage in der Region hat zu Produktionsdrosselungen und höheren Preisen für diesen wichtigen Werkstoff für Solarmodule geführt“, so Energieexperte Steininger.

Preissignale „sozial differenziert“ gestalten

Für E-Control-Chef Haber stellt der Iran-Krieg und die damit verbundene Energiekrise eine Chance dar, den Anteil der Erneuerbaren zu erhöhen, um so die Abhängigkeit von Energiekrisen und Preissteigerungen zu reduzieren und die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Auch Steininger spricht von einem „neuen Weckruf“, um die „fossile Abhängigkeit schnellstmöglich zu reduzieren“.

Dabei gelte es, die fossilen Preissignale „nicht pauschal abzufangen“. Nur so könnte ein Anreiz zum schnelleren Umstieg auf Erneuerbare wirksam sein. „Während des Ukraine-Kriegs waren global vier Fünftel der Preisunterstützungen nicht sozial ausgerichtet und kamen damit primär den viel mehr Energie nachfragenden reichen Haushalten zugute“, so der Klimawissenschaftler.

Bei den diesbezüglichen Maßnahmen sieht Steininger gemischte Ansätze vor. Die Geistpreisbremse ist nicht sozial ausgerichtet, ganz im Gegensatz zu den im Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) festgelegten sozialen Tarifen, die seit April wirksam sind.

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