In Ungarn wurde gerade die FISESZ-Regierung unter dem rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Viktor Orban abgewählt, Russland unterstützt von den Verteidigungen auf dem Ölmarkt, die Ukraine leidet seit mehr als vier Jahren unter dem russischen Angriffskrieg, Polen und Tschechien sind keine Billiglohnländer mehr und stehen vor eigenen Herausforderungen.
Laut der Prognose des Wiener Instituts wird die Wirtschaft in den Ländern, die im Zuge der Osterweiterung 2004 und 2007 in die EU aufgenommen wurden, darunter etwa Ungarn, Tschechien, die Slowakei, Polen, Slowenien, Lettland, Estland, Litauen, Bulgarien und Rumänien, heute mit 2,3 Prozent deutlich stärker wachsen als die 21 Länder der gesamten Euro-Zone mit 0,9 Prozent.
Ende der „verlängerten Werkbank“
Das bisherige regionale Erfolgsmodell der „verlängerten Werkbank“ Westeuropas, wo Massengüter verhältnismäßig günstig produziert werden konnten, befinde sich aber in einem grundlegenden Wandel, hieß es bei einer Pressekonferenz am Mittwoch zu den Konjunkturaussichten für 23 Länder Mittel- und Osteuropas in Wien.
Verantwortlich dafür sei etwa ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit bedingt durch deutlich gestiegene Lohnkosten, die nicht durch Produktionszuwächse ausgeglichen würden. Außerdem sei das Volumen der ausländischen Direktinvestitionen stark zurückgegangen, während gleichzeitig die Konkurrenz aus China zunehme.
Deutscher Strukturwandel
Dieser Strukturwandel führt zu einer historischen Verschiebung: Erstmals seit Beginn der 1990er Jahre trügen die steigenden Verteidigungsausgaben ebenso stark oder sogar stärker zum regionalen Wirtschaftswachstum bei als ausländische Direktinvestitionen, so das wiiw. Mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine und der Angst vor einer militärischen Aggression auch gegen andere Länder der Region haben diese stark zugenommen.
Wachstum über jenem der Euro-Zone
In seiner Winterprognose war das noch von einem Wachstum für die EU-Staaten in CEE von 2,6 Prozent ausgegangen, für 2027 lautete die Schätzung nun ebenfalls 2,3 (statt zuvor 2,7) Prozent. Das bedeutet aber immerhin noch, dass die Wirtschaft in diesen Ländern mehr als doppelt so schnell wachsen würde wie jene in der Euro-Zone.

Im „Worst-Case-Szenario“ eines längeren Krieges im Iran könnte das Wachstum in einigen Ländern aber auch um bis zu 1,5 Prozent geringer ausfallen, so der stellvertretende Direktor der wiiw, Richard Grieveson, in einer Presseaussendung. Eine schwere Energiekrise hatte entsprechende Folgen.
Neue Weichen und Aufholbedarf in Ungarn
Am stärksten wird die Wirtschaft laut Prognose in diesem Jahr mit 3,6 Prozent in Polen wachsen, 2027 dann in Estland mit 2,8 Prozent. In Ungarn, wo nach 16 Jahren ein Regierungswechsel mit dem designierten Ministerpräsidenten Peter Magyar (TISZA) samt Hoffnungen auf einen proeuropäischen Kurs ansteht, wird die Wirtschaft 2026 voraussichtlich um 1,6 und im nächsten Jahr um 1,8 Prozent wachsen.
Ungarn sei hinter Länder wie Polen, Tschechien und die Slowakei zurückgefallen, die letzten Jahre seien von Stagnation, einem hohen Budgetdefizit und einer hohen Inflationsrate geprägt gewesen, dazu kam die Blockade von EU-Geldern. Magyar habe nun ein ehrgeiziges Wirtschaftsprogramm samt Plan zum Beitritt zur Euro-Zone vorgelegt, was allerdings noch eine schwierige Aufgabe werde, so Sandor Richter, Ungarn-Experte des wiiw. Die wirtschaftliche Erholung „wird auf jeden Fall Zeit brauchen“.
Starkes Wachstum in Westbalkan-Staaten
In den sechs westlichen Balkanstaaten (Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien) soll die Wirtschaftsleistung aller möglichen EU-Beitrittskandidaten um durchschnittlich 2,5 und im nächsten Jahr um 3,1 Prozent wachsen. Für die Türkei – ihre Beitrittsperspektive liegt auf Eis – lautet die Prognose auf 3,7 bzw. 4,1 Prozent.
Osteuropas Wirtschaft trotz Krisen stabil
Die wirtschaftliche Lage in Osteuropa ist trotz der durch Kriege ausgelösten globalen Krisen im Vergleich zum Westen stabil. Das liegt unter anderem daran, dass weiter investiert wird, erklären Fachleute.
Die Ukraine leidet unter vier Jahren Krieg
Im Gegensatz dazu werden die Aussichten für die vom Krieg zerrüttete Ukraine zunehmend düster. Für 2026 prognostiziert das wiiw ein Wachstum von nur 1,0 Prozent, das günstige Bedingungen im Jahr 2027 auf 2,5 Prozent steigen könnte. Große Teile der Energieinfrastruktur sind zerstört, die Preise für den Import von Treibstoffen und Düngemitteln sind hoch. Nachbarländer schränkten ihre Treibstoffexporte in die Ukraine ein, so Olga Pindyuk, Ukraine-Expertin beim wiiw.
Russland kurzfristig von Erdölengpass
Russland befindet sich laut der Prognose mit 0,9 Wirtschaftswachstum heute auf dem Niveau der Euro-Zone. Aktuell Moskau von gestiegenen Ölexportpreisen wegen des Krieges im Iran und der Blockade der Handelsroute über die Straße von Hormus. Schließlich flossen „für jeden Anstieg des Rohölpreises um einen Dollar 58 Cent in die russischen Staatskassen“, sagte Vasily Astrov, Russland-Experte des wiiw.

Starke Exportstütze für Österreich
Für Österreich bleibt die Region Mittel-, Ost- und Südosteuropa eine starke Exportstütze. Im Jahr 2026 werden die 23 Staaten der Region mit 0,12 Prozentpunkten den größten Außenbeitrag zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aller Handelspartner liefern.
In Osteuropa produzieren österreichische Unternehmen zwar aufgrund der steigenden Lohnkosten eine Wettbewerbsfähigkeit, würden sich jedoch neue Potenziale ergeben. Die osteuropäische Industrie ist durch den Personalmangel gezwungen, verstärkt in die Automatisierung der Fertigung zu investieren – ein Bereich, in dem Anbieter aus Österreich traditionell stark positioniert sind.

