Für beide Seiten der Messe gilt: Man muss nur wissen, danach hält man Ausschau, um den anfangs vielleicht noch ungewohnten Clash von Hoch- und Popkultur zu sehen. Etwa dann, wenn der heurige Gewinner des Buchpreises zur Europäischen Verständigung, Miljenko Jergovic, in der Messehalle dicht aneinander gedrängt neben der verkleideten Hauptfigur aus dem Manga „One Piece“ steht, um die Stände der Verlage zu begutachten.
Schon seit 2014 setzt Leipzig auf verschwommene Grenzen zwischen den Kunstformen und siedelt beides auf dem dortigen Messegelände an. „Schön ist, dass ‚klassische‘ Buchmesse-Besucherinnen und -Besucher für das Thema ebenfalls sehr aufgeschlossen sind und sich beim Gang durch die MCC-Hallen gerne auch mal treiben und überraschen lassen. Gleiches gilt für die MCC-Besucherinnen und -Besucher: Auch sie kommen für den Blick über den Tellerrand hierher, um neben neuen Comics und Mangas an den Verlagsständen der LBM Neues zu entdecken“, hieß es gegenüber ORF.at. Während es auf der einen Seite im Rahmenprogramm um die Beziehung von Charlotte von Stein zu Johann Wolfgang von Goethe geht, werden an anderer Stelle neue Anime-Serien gezeigt.
Erster Hype um die Jahrtausendwende
Das Konzept zeigt auch, dass sich seit den ersten Manga-Erfolgen, dem japanischen Pendant zum Comic, im deutschsprachigen Raum viel getan hat. Rund um die Jahrtausendwende wurde den Bänden, die traditionell von „hinten nach vorne“ gelesen werden, noch mit Skepsis begegnet. Manga ist längst „etabliert und bekannt“, das Interesse daran ist mit Beginn der Pandemie noch einmal „explosionsartig“ gestiegen, so Kai-Steffen Schwarz, der für den Carlsen Verlag die Sparte Comics, Mangas und Webtoons leitet, im Gespräch mit ORF.at.
Schwarz sieht auch eine „Generationenfrage“: Anfang der Nullerjahre sei für viele Erwachsene Manga komplett „unverständlich“ gewesen, die Blätter von hinten nach vorne etwa ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem vor allem Teenager etwas „für sich“ gefunden hatte. Ein Vierteljahrhundert später haben die ersten großen Fans von damals längst selbst Kinder und damit einen ganz anderen Zugang zum Thema.
„Ein Großteil“ seien dem „Medium treu geblieben“ und lese statt „Sailor Moon“ und „Dragon Ball“ jetzt eher Stoffe, die für Erwachsene geeignet seien, so Schwarz. Als Beispiel nennt er etwa die „Monster“-Reihe des Mangaka, auch Mangakünstlers, Naoki Urasawa. Der Manga, der sich zwischen Krimi und Thriller bewegt, sei schon in den 90ern erschienen und um die Jahrtausendwende im deutschsprachigen Raum verlegt worden – relativ erfolglos, „weil einfach die Leser da noch nicht da waren“. Eine Neuauflage im Jahr 2019 habe sich hingegen extrem gut verkauft.
Sichtbar mehr junges Publikum auf Buchmesse
Was man in Leipzig auch merkt: Die Kombination aus Comic- und Buchmesse lockt deutlich mehr junges Publikum in die Hallen. Und die Verlage fischen über sämtliche Mediumsgrenzen nach ebendiesen Leserinnen und Lesern. Gleich einige größere Verlage vereinen an ihren Ständen Young- und New-Adult-Bücher, die durch soziale Netzwerke, Stichwort „BookTok“, zu großer Popularität gelangen, mit Comics und Mangas.
Vom Alter her befinde man sich damit in der gleichen Zielgruppe, so Schwarz, aber Unterschiede gebe es frei – nicht nur der offensichtliche, dass die meisten Romane ohne Bilder auskommen, während Mangas und Comics eben visuelle Erzählungen sind. Schwarz verweist hier beim Thema Manga vor allem auf die „lange Erzählform“: Oft werden einzelne Geschichten über Dutzende Bände hinweg erzählt. „Eine Romantrilogie in Manga-Form hätte wahrscheinlich nicht nur drei Bände, sondern könnte vielleicht 20, 30 Bände haben, um denselben Inhalt zu erzählen“, so Schwarz.
Kein weiter Weg vom Manga zum Roman
Natürlich würden sich Manga-Leserinnen und -Leser auch für andere Genres und Romane begeistern. „Das kann dann teilweise im selben Genre auch vorkommen, dass sie beispielsweise gerne Romance-Mangas lesen, aber eben auch romantische Romane“, so Schwarz. Im „Idealfall befruchtet sich das gegenseitige“.
Hinzu kommt eine extrem aktive Fanszene, die eben auch in den „klassischen“ Teilen der Buchmesse optisch heraussticht. Schwarz sieht damit Vorurteile widerlegt: „Diese Merkwürdigkeit, die viele immer noch in Mangas sehen oder etwa an Cosplay nicht verstehen: Warum ziehen die sich so an?
Langsame Entwicklung weg vom Belächeln
Die Verkaufszahlen von Mangas und Comics sind jedenfalls kräftig, nicht erst seit der Pandemie. In Österreich werden Comicverkäufe zwar in einer gemeinsamen Warengruppe mit „humoristischen und satirischen Büchern“ gezählt. Laut Petra Mairhofer von der Buchhandlung Morawa gebe es aber einen deutlichen Umsatzzuwachs seit dem Jahr 2016. Während der Pandemie gab es einen deutlichen Sprung, seither seien die Zahlen „relativ konstant“.
Ein Ende des Hypes zeichnet sich bisher nicht ab. Und natürlich tragen Events wie die Buchmesse in Leipzig dazu bei, dass Mangas und Comics weniger belächelt werden – was letztendlich dazu führen könnte, dass die Freude darüber, dass junge Menschen begeistert lesen, ob mit Bildern oder ohne, überwiegt.

