28.8 C
New York
Sunday, August 9, 2026

Brücke in Genua eingestürzt: Opferangehörige über Hafturteile erleichtert

Viele der Angehörigen brachen nach den Urteilsverkündungen in Tränen aus und umarmten sich. Egle Possetti, eine Sprecherin der Opferhinterbliebenen, nannte die Entscheidung des Gerichts „nachvollziehbar“. Sie verlor bei dem Unglück ihre Schwester, ihren Schwager und deren zwei Kinder und trat als Nebenklägerin auf.

Unmittelbar vor der Urteilsverkündung kritisierte Possetti, während der langen Gerichtsverhandlung habe „keine einzige Person gesagt: ‚Ich trage einen Teil der Verantwortung‘“. „Das war hart“, fügte sie hinzu.

Angehörige verspüren Genugtuung

Michele Matti Altadonna, dessen Bruder bei dem Brückeneinbruch ums Leben gekommen war, reagierte auf die Urteilsverkündung mit Genugtuung. „Heute können wir sagen, dass das diejenigen sind, die schuld am Tod unserer Angehörigen sind“, sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

APA/AFP/Marco Bertorello

Angehörige der Opfer bei der Urteilsverkündung

Auch der italienische Verkehrsminister von der rechten Lega, Matteo Salvini, begrüßte das Urteil. „Eine Katastrophe dieser Kunst darf nicht unbestraft bleiben“, sagte Salvini, der auch Vizeregierungschef in der Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ist. Der italienische Vizeverkehrsminister Edoardo Rixi erklärte, das Urteil sei ein „wichtiger Schritt auf dem Weg zur Wahrheit und Gerechtigkeit“.

Vierjähriger Mammutprozess

Mit der nicht einmal 20 Minuten dauernden Urteilsverkündung endete ein vierjähriger Prozess zu der Frage, ob die Betreiber der Morandi-Brücke das tödliche Unglück hätten verhindern können. Während des Verfahrens hatte es 283 Anhörungen gegeben, für den Mammutprozess war im Hof ​​des Gerichts von Genua ein Zelt errichtet worden.

Der zu zwölf Jahren Haft verurteilte Castellucci war bei der Urteilsverkündigung nicht dabei: Der 66-Jährige sitzt wegen eines tödlichen Busunglücks auf einer anderen Autobahn bereits im Gefängnis. Auch gegen andere Verantwortliche verhängte das Gericht mehrjährige Gefängnisstrafen – alles in allem fast 200 Jahre Haft.

Anklage: Castelluccis „Königreich“

Die Staatsanwaltschaft hatte gegen Castellucci 18 Jahre und sechs Monate Haft gefordert. Sie legte dem einstigen Topmanager zur Last, bereits seit 2009 von Mängeln gewusst zu haben. Die Anklage beschrieb ihn als Alleinherrscher, der das Unternehmen wie sein „Königreich“ geführt habe. Wichtiger als eine sichere Infrastruktur sei ihm der Profit gewesen.

Die Verteidigung sprach jedoch von einem nicht erkennbaren Konstruktionsfehler an einem der Pfeiler. Castellucci selbst sagte: „Ich fühle mich verantwortlich, aber nicht schuldig.“ Trotz des großen öffentlichen Drucks trat er als Chef der Autobahngesellschaft Autostrade per l’Italia (ASPI) erst ein Jahr nach der Katastrophe zurück – gegen eine Abfindung von 13 Millionen Euro.

Richter Paolo Lepri bei der Urteilsverkündung

APA/AFP/Marco Bertorello

Die Urteilsverkündung dauerte nicht mal 20 Minuten

Inzwischen wurde er bereits wegen eines anderen Unglücks auf einer ASPI-Autobahn zu sechs Jahren Haft verurteilt. Dabei kamen 2013 in Süditalien 40 Menschen ums Leben, als ein Bus auf einer Brücke durch die Leitplanken brach.

57 Beschuldigte

Der Prozess gegen insgesamt 57 Beschuldigte dauerte vier Jahre. Neben weiteren Beschäftigten der Autobahngesellschaft und Ingenieuren, die für die Sicherheit zuständig sein sollen, wurden auch Vertreter des Verkehrsministeriums beschuldigt. Die damalige Nummer Drei von ASPI muss für elf Jahre hinter Gitter. Zwei weitere Ex-Manager bekamen jeweils fünfeinhalb Jahre Haft.

Die Vorwürfe bestehen unter anderem auf fahrlässiger Tötung, Fälschung von Dokumenten und unterlassener Wartung. Insgesamt verhängte das Gericht 32 Haftstrafen. In 25 Fällen gab es Freisprüche oder der Richter entschied, dass das Vergehen verjährt sei. Erwartet wird, dass die verurteilten Einspruch einreichen, da das Urteil nicht rechtskräftig ist.

Heutiger ASPI-Chef bat um Entschuldigung

Der heutige Chef der Betreibergesellschaft ASPI, Arrigo Giana, hatte kurz vor Prozessende die Hinterbliebenen öffentlich um Entschuldigung gebeten. In einem Brief, der von der Tageszeitung „Corriere della Sera“ veröffentlicht wurde, schrieb er: „Lasst uns das Schweigen brechen.“

Wie Millionen andere habe er das Geschehen damals vor dem Fernseher verfolgt. „Ich fragte mich immer wieder, wie es möglich war, sich nicht sofort für das Geschehene zu entschuldigen. Eine weitere unverständliche Wunde.“ Angehörige begrüßten die Entschuldigung – auch wenn sie sehr spät kam.

Vospernik: „Erdrückend, was ans Licht gekommen ist“

Italien-Korrespondentin Cornelia Vospernik berichtet über Genugtuung bei den Angehörigen der Opfer des Morandi-Brücken-Einsturzes, nachdem die langjährigen Hafturteile für die Verantwortlichen gefallen sind. Dabei sei es „erdrückend“, was bei dem Prozess „ans Licht gekommen ist“.

Schwere Schäden durch mangelhafte Wartung

Die Brücke Ponte Morandi, die seit mehr als einem halben Jahrhundert durch Genua führte, war am 14. August 2018 um 11.36 Uhr plötzlich zusammengebrochen. Auf einer Strecke von 200 Metern stürzte die Fahrbahn nach unten, weil ein Pfeiler nicht mehr hielt. Autos und Lastwagen wurden 45 Meter in die Tiefe gerissen.

Expertinnen und Experten kamen zur Einschätzung, dass die 1967 eröffnete Schrägseilbrücke wegen mangelhafter Wartung schwere Schäden hatte. Bei der Katastrophe starben nicht nur Autofahrerinnen und Autofahrer, die auf der Brücke waren, sondern auch mehrere Menschen auf dem Boden. Sie wurden von herabstürzenden Betonteilen erschlagen. Zudem gab es 16 Letzte.

Neue Brücke erinnert an ein Opfer

Etwa 600 Anrainerinnen und Anrainer verloren ihr Zuhause. Mehrere Häuser mussten abgerissen werden, weil sie unter akut einsturzgefährdeten Brückenpfeilern lagen. Die restlichen Teile der Morandi-Brücke – benannt nach dem Erbauer Riccardo Morandi – wurden schließlich kontrolliert gesprengt.

Weil die Brücke in Genua die wichtigste Verbindung zwischen Hafen, Flughafen und Zentrum war, war die Stadt mit ihren fast 600.000 Einwohnern zwei Jahre lang praktisch in zwei Hälften aufgeteilt. Seit August 2020 steht an derselben Stelle eine neue Brücke, die von dem aus Genua stammenden Stararchitekten Renzo Piano entworfen und in Rekordzeit nach oben gezogen wurde. Auf ihr sind 43 Lichtmasten platziert – ein Mast für jedes Todesopfer.

Related Articles

Latest Articles