18.9 C
New York
Tuesday, April 14, 2026

Baden-Württemberg: Grüne Hochburg stemmt sich gegen CDU

Kretschmann war ab 2016 Ministerpräsident, regierte in Stuttgart eine Amtsperiode mit der SPD und dann zwei mit der CDU als Juniorpartner. In Umfragen lag die CDU dann schon bis zu 16 Prozentpunkte vor den Grünen, ein Machtwechsel im „Ländle“ schien fix. Doch zuletzt pirschten sich die Grünen wieder deutlich an die Union heran, in der letzten Umfrage am Freitag, beim ZDF-Politbarometer, lagen die Grünen schon gleichauf.

Bei der Union machte sich zuletzt Nervosität breit. Denn dass CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel vergleichsweise farblos wirkt, wusste man schon früher, mit dem Vorsprung in den Umfragen war das aber lange kein Problem. Nun setzt es interne Kritik, wie etwa die „Zeit“ berichtet. Zu sanft sei man in den Wahlkampf gegangen, auch das Wortspiel, der Parteichef habe es „verhagelt“, darf nicht fehlen.

APA-Images/dpa/Felix Kästle

Der scheidende Ministerpräsident Kretschmann mit Parteifreund Özdemir

Merz braucht Rückenwind

Der Masterplan der Partei von Kanzler Friedrich Merz sieht einen Wahlsieg in Baden-Württemberg vor, ein zweiter bei der Wahl in Rheinland-Pfalz zwei Wochen später folgen sollte. Dadurch politisch gestärkt, wollte Merz in der Bundesregierung mit Koalitionspartner SPD größere Reformbrocken angehen.

Doch je schlechter die Ergebnisse von Union und SPD sind, desto größer dürfte das Bedürfnis der Profilierung in der Koalition in Berlin sein – mit Reibereien als Folge. Und das würde es viel schwieriger machen, bei den Landtagswahlen im September in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt der dort sehr starken AfD Paroli zu bieten.

Video brachte Hagel in Erklärungsnot

Erst in den letzten Tagen des Wahlkampfs verschärfte Hagel den Ton gegen Özdemir. „Rotzfrech“ und „nicht ehrlich“ sei dieser. Doch eher war er damit beschäftigt, einen Fauxpas von vor acht Jahren zu kitten. In einem Interview schwärmte er damals als junger Landtagsabgeordneter von einer 18-jährigen Schülerin mit „rehbraunen Augen“, die er bei einem Polittermin in einer Schule getroffen habe. Ein Video davon taucht nun im Wahlkampf auf – geleakt von den Grünen.

CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel

Reuters/Thilo Schmülgen

Manuel Hagel wird neuer Ministerpräsident

Özdemir mit Erfahrung – und Enfant terrible

Der frühere grüne Chef und Landwirtschaftsminister Özdemir vertrat im Wahlkampf wie schon der scheidende Ministerpräsident Kretschmann gemäßigte, wirtschaftsfreundliche und teilweise konservative Positionen und islamische damit auf die parteipolitische Mitte. Und er punktete mit Bekanntheit und Erfahrung.

Mitten im Wahlkampf heiratete er am Valentinstag in zweiter Ehe seine Partnerin Flavia Zaka. Das Paar ließ sich von Boris Palmer ausrechnen. Der Tübinger Bürgermeister galt lange als Enfant terrible seiner Partei und vertrat etwa in Migrationsfragen einen völlig anderen Kurs als die Grünen; auch ein Grund, wieso er 2023 aus der Partei austrat. Mittlerweile wird spekuliert, ob Özdemir Palmer vielleicht sogar in die Landesregierung holen will.

Viele junge Wahlberechtigte

Doch erst am Sonntag wird feststehen, wie genau die Umfragen waren, zumal es auch viele Unwägbarkeiten gibt. So dürfen in Baden-Württemberg erstmals 16- und 17-Jährige bei der Wahl mitstimmen. Unter den gut 7,7 Millionen Wahlberechtigten werden rund 650.000 Junge zwischen 16 und 22 Jahren erstmals im Land gewählt, das entspricht 8,4 Prozent aller Wahlberechtigten. Wie sich der Zuwachs eines jungen Wahlberechtigten auf das Ergebnis auswirkt, ist unklar. Hinzu kommt ein reformiertes Wahlrecht mit neuen Spielregeln für die Mandatsverteilung.

Stunde der Wahrheit für FDP

Laut Umfragen wird die AfD – sollten einander Grüne und Union ein Match um den ersten Platz liefern – klare dritte Kraft werden. Vor einigen Monaten schien sogar Platz zwei vor den Grünen möglich. Die SPD droht einmal mehr ein Absturz, möglicherweise sogar unter die Zehnprozentmarke. Auch die Zusammensetzung des Landtags könnte sich ändern.

Die zur Wahl stehenden Spitzenkandidaten im TV-Studio

APA-Images/dpa/Bernd Weißbrod

Die Spitzenkandidaten bei einer TV-Runde (vlnr): Mersedeh Ghazaei (Die Linke), Andreas Stoch (SPD), Özdemir (Grüne), Hans-Ulrich Rülke (FDP), Hagel (CDU) und Markus Frohnmaier (AfD)

Der Fünfprozenthürde kommt diesmal eine besondere Bedeutung zu: Denn die FDP könnte erstmals in der Geschichte in ihrem Stammland aus dem Landtag fliegen, dem sie seit mehr als 70 Jahren angehört. Für die Liberalen würde sich in Deutschland dann langsam die Existenzfrage stellen.

Die Linke wiederum könnte erstmals überhaupt den Sprung ins Parlament in Baden-Württemberg schaffen. Getragen wird der Linke-Boom von gesellschaftlicher Unzufriedenheit, wachsender sozialer Ungleichheit, der Wohnungsnot in vielen Städten und der allgemeinen Proteststimmung im Land.

Related Articles

Latest Articles