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Saturday, March 14, 2026

Bad Bunny beim Super Bowl: Kulturkampf mit Touchdown

Bereits vor Jahren ist die Stimmung in lateinamerikanischen Nachtclubs regelmäßig explodiert, wenn die ersten Beats von Bad Bunny aus den Boxen ertönten. Mittlerweile geht der Hype weit über die Grenzen Lateinamerikas hinaus – und weit über die Musikwelt. Benito Antonio Martinez Ocasio gilt als einer der größten Popstars der Gegenwart und verkörpert laut Beobachtern den kulturellen Zeitgeist wie kaum ein anderer.

In der Nacht am Montag wird er in der Halbzeit eine der bedeutungsvollsten Bühnen der Welt betreten, wenn im Endspiel der National Football League (NFL) die New England Patriots auf die Seattle Seahawks aufeinandertreffen. Der Super Bowl ist das US-Sportevent des Jahres, noch dazu das mit den höchsten Einschaltquoten. Die Show ist „ein Ritual, bei dem die USA sich und dem Rest der Welt erzählen, wer sie sind“, schreibt dazu etwa die „NZZ“.

APA/AFP/Ricardo Arduengo

Themen wie kulturelle Identität und Kolonialismus gewannen in Bad Bunnys Werk unter Trump noch einmal eine Bedeutung

Symbol der Selbstermächtigung

Bad Bunny widmete seinen Auftritt allen jenen, die vor ihm zahlreiche Runden gelaufen waren, „damit ich kommen und den Touchdown machen kann“. Für „mein Volk, meine Kultur und unsere Geschichte“.

Für Latinas und Latinos auf der ganzen Welt ist Bad Bunny das Symbol eines neuen Gefühls von Stolz und Selbstermächtigung geworden: Ein Musiker, der sich trotz globalen Superstar-Status weigert, auf Englisch zu singen, und sich immer wieder auf seine Heimatinsel, seine Traditionen und seine Leute zurückbesinnt.

Das bedeutet für viele, dass ihre Kultur endlich auch in der globalen Popwelt gefeiert werden kann, ohne dafür erst „weißgewaschen“ werden zu müssen. In Zeiten wie diesen vielleicht das Subversivste, das der Mainstream-Pop seit Langem gesehen hat.

Vom Supermarktarbeiter zum Superstar

Martinez Ocasio selbst ist in einfachen Verhältnissen groß geworden, nach einem abgebrochenen Studium arbeitete er in einem Supermarkt und produzierte nebenbei seine ersten Tracks. Angefangen in der großen Latin-Trap-Welle der späten 2010er Jahre, mauserte er sich schnell zu einem Liebling des lateinamerikanischen Kontinents.

Dabei hat der 31-Jährige von Anfang an auch jene erreicht, die nur peripher mit der Szene zu tun hatten. Das lag nicht zuletzt an der Offenheit des Musikers, mit unterschiedlichen Stilen zu experimentieren – eine Eigenschaft, die inzwischen zum Status quo der Popmusik geworden ist.

Demonstranten marschieren in Minneapolis

Reuters/Seth Herald

Sowohl Bad Bunny als auch Green Day stellen sich demonstrativ an die Seite der ICE-Protestierenden

Mit seinem letzten Album „Debi Tirar Mas Fotos“ (dt.: „Ich hätte mehr Fotos machen sollen“) gewann er erst vor wenigen Tagen einen Grammy für das beste Album des Jahres. Ein historischer Moment: Noch nie hatte ein Latino mit einem rein spanischen Album die prestigeträchtigste Kategorie der US-amerikanischen Musikpreise für sich entschieden. Doch „Debi Tirar Mas Fotos“ war nicht nur ein Lobgesang auf die Heimat und den Widerstand, es war ein Aufbegehren gegen den US-amerikanischen Imperialismus.

Bad Bunny auf der Bühne bei den Grammy Awards

AP/Chris Pizzello

Seinen Grammy widmete Bad Bunny „all den Menschen, die ihre Heimat, ihr Land verlassen mussten, um ihren Träumen zu folgen“

ICE muss verschwinden und die Welt werde tanzen

Zwar hatte Themen wie Vertreibung, Kolonialismus, LTBTQ, kulturelle Identität und Vielfalt schon zuvor eine Rolle in seinem Werk gespielt, zu einer Zeit, wo lateinamerikanische Migranten und Migrantinnen von der US-Einwanderungsbehörde ICE verfolgt und abgeschoben werden, bekamen sie aber ein neues politisches Gewicht.

In seiner Dankesrede sprach er sich dezidiert gegen die brutale US-Migrationspolitik aus und rief zu Liebe statt Hass auf. Eine Botschaft, die er auch in seinem Videotrailer zur Super-Bowl-Show vermittelt: „Die Welt wird tanzen.“ Und das gemeinsam.

Spannung vor Auftritt von Green Day

Weniger versöhnliche, dafür explizit kritische Töne schlägt indes die kalifornische US-Punkrockband Green Day an. Aus ihrer Anti-Trump-Haltung hat das Trio noch nie einen Hehl gemacht, schon seit 2019 texten sie ihren Hit „American Idiot“ live mit einer Zeile gegen MAGA um. Als Reaktion auf Trumps erste Amtszeit schrieb die Band den Song „The American Dream is Killing Me“. Spannend wird, welche Songs dann bei dem Event zu hören sein werden – und mit welchen Textzeilen.

Die Band Green Day während des Konzerts

IMAGO/NTB/Javad Parsa

Schon gegen US-Präsident George W. Bush haben Green Day angesungen

Patriotische Gegenveranstaltung

Spätestens mit der Ankündigung von Green Day als Eröffnungsband wurde der Kulturkampf endgültig entfacht. Konservative und trumpnahe Gruppen empfanden die Auswahl als politische Affront und riefen zum Boykott auf.

Die Studentenorganisation Turning Point USA, die vom ermordeten ultrarechten Aktivisten Charlie Kirk mitbegründet wurde, richtet sogar eine eigene „rein amerikanische“ Gegenveranstaltung aus. Headliner: Hardliner und Trump-Unterstützer Kid Rock.

Auch Trump zeigte sich über die Taten empört und sagte seine Teilnahme bereits ab. Gegenüber der „New York Post“ meinte er: „Ich bin gegen sie. Ich halte das für eine schreckliche Wahl. Das Einzige, was sie bewirkt, ist, Hass zu sehen. Schrecklich.“

Screenshot des Postings zur Halbzeit-Show des Super Bowl

Screenshot x.com

Bad Bunny und Green Day vs. Kid Rock & Co. – um die Halbzeitshow hat sich ein Kulturkampf entwickelt

NFL verteidigt Entscheidung

NFL-Chef Roger Goodell sprach von Bad Bunny als einen der großen Künstler der Welt, der es vermag, Menschen zu vereinen und zusammenzubringen. Erwarte nicht, dass Bad Bunny „etwas Trennendes“ sagen werde. Beobachter orten hinter der NFL-Entscheidung für Bad Bunny auch wirtschaftliche Gründe, plant die Liga doch eine Expansion nach Lateinamerika und erhofft sich dadurch wohl hohe Einschaltquoten.

Green Day argumentierte als Eröffnungsband seitens der NFL unterdessen als „Feier des musikalischen und sportlichen Erbes, der Identität und der gemeinsamen Geschichte“. Unerwähnt ließ man, dass nicht die NFL selbst, sondern das US-amerikanische Unterhaltungsunternehmen Roc Nation die Darsteller kuratierte. Dessen Gründer ist Rapper und Produzent Jay-Z, jemand, der Trump schon seit seiner ersten Amtszeit kritisiert. Und damit möglicherweise jemand, der vor Bad Bunnys Touchdown eine Runde für ihn gelaufen ist.

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