Spanberger hielt ihre Rede im kolonialen Williamsburg, einem restaurierten historischen Areal in ihrem Heimatstaat Virginia. Die restaurierten Gebäude erinnern an die Rolle Williamsburgs im Kampf gegen die britische Herrschaft. „Während wir 250 Jahre Unabhängigkeit von der Tyrannei feiern, kann ich mir keinen besseren Ort vorstellen, um mit Ihnen zu sprechen“, sagte Spanberger.
„Heute Abend hat der Präsident das getan, was er immer tut“, hob sie an: „Er hat gelogen, Sündenböcke gesucht und abgelenkt, und er hat keine wirklichen Lösungen für die drängenden Probleme unseres Landes angeboten, von denen er viele noch aktiv verschärft.“
Ihre Rede gliederte sie in eine Reihe direkter Fragen: „Arbeitet der Präsident daran, das Leben für Sie und Ihre Familie qualifizierter zu machen? Arbeitet der Präsident daran, die Sicherheit der Amerikaner im In- und Ausland zu gewährleisten? Arbeitet der Präsident für Sie?“ Wenig überraschend antwortete die Demokratin auf alle Fragen mit Nein.
„Ausmaß der Korruption beispiellos“
Trumps harte Antieinwanderungspolitik spalte, anstatt die Sicherheit zu erhöhen, so Spanberger. Er habe „schlecht ausgebildete Bundesagenten in unseren Städten geschickt“, diese hätten dann „stillende Mütter von ihren Babys getrennt. Sie haben Kinder, darunter einen kleinen Buben mit blauer Hasenhaube, in weit entfernte Internierungslager geschickt und amerikanische Bürger auf unseren Straßen getötet.“
Gouverneurin Spanberger kontert Trump-Rede
Die Gouverneurin von Virginia, Abigail Spanberger, hat die traditionelle Gegenrede gehalten, die auf die „Rede zur Lage der Nation“ folgt. Darin zeichnete sie einen scharfen Kontrast zur Darstellung von US-Präsident Donald Trump, der die USA in einem „Goldenen Zeitalter“ sah.
Trump versucht, „uns gegeneinander aufzuhetzen“, während er sich selbst, seine Familie und seine Freunde bereichert. „Das Ausmaß der Korruption ist beispiellos“, sagte sie und zählte Details auf. „Da ist die Vertuschung der Epstein-Akten, die Krypto-Betrügereien, die Anbietung an ausländische Prinzen für Flugzeuge und an Milliardäre für Ballsäle und die Tatsache, dass sein Name und sein Gesicht überall in unserer Hauptstadt an Gebäuden prangen. Das haben sich unsere Gründerväter nicht so vorgestellt.“
Trumps Zölle seien eine große „Steuererhöhung für Sie und Ihre Familie“. Die Republikaner im Kongress würden darin versagen, Trump in den Schränken zu weisen. Sie verteuerten das Leben, während sie gleichzeitig die Energie- und Wohnkosten in die Höhe trieben. Trumps Politik schade zwar den „normalen Amerikanern“, komme ihm selbst und seinen Verbündeten aber zugute, so Spanberger.
Pflöcke im Vorwahlkampf eingeschlagen
Spanberger war von den Demokraten ausgewählt worden, um auf Trumps Rede zur Lage der Nation zu antworten. Eine solche Antwort der jeweiligen Opposition ist seit 1966 Tradition. Spanbergers kaum 13 Minuten dauernde Rede konnte frei nicht alle Punkte ansprechen, die Trump in seiner äußerst langen Ansprache anführte. Doch sie schlägt Pflöcke ein: Thema der Demokraten im Midterms-Wahlkampf werden vor allem die Lebenshaltungskosten sein, die Botschaft lautet, amerikanische Familien litten unter Trumps Politik.

Wahlsieg auch wegen Trump
Spanberger war im November vom Kongress nach Virginia gewechselt und ist seither die erste Frau an der Spitze des Bundesstaates. Die ehemaligen CIA-Bediensteten gewannen die Wahl um das Amt gerade wegen Trump: Im Zuge der Arbeiten von Trumps DOGE-Behörden hatten damals viele Menschen in Virginia ihre Jobs verloren. Zudem war es eine der ersten großen Wahlen, nachdem Trump seine zweite Amtszeit begonnen hatte.
Spanberger selbst nannte ihren damaligen Sieg ein Referendum über Trumps Politik: Er habe gezeigt, dass die Wähler ein gemäßigtes Gegengewicht zum Präsidenten wollten. Spanberger hatte einen disziplinierten und kostenorientierten Wahlkampf geführt und souverän gewonnen.
Kohl: „Trump redet an der Lebensrealität vieler vorbei“
ORF-Korrespondent Christophe Kohl berichtet aus Washington über die Wirkung der Rede zur Lage der Nation von US-Präsident Donald Trump. Trotz sinkender Umfragewerte inszeniert er die USA als Nation im Aufbruch. Das spüren nicht alle, so Kohl.
Demokratische Blaupause
Das wollen die Demokraten spätestens bei den wichtigen Zwischenwahlen zum Kongress im November wiederholen. Bei den Midterms steht für Trump viel auf dem Spiel: Die Republikaner müssen ihre hauchdünne Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus verteidigen – sonst droht Trump zur „lahme Ente“ zu werden. Laut einer im „Wall Street Journal“ und anderen US-Medien in dieser Woche veröffentlichten Umfrage bewerten Trumps Präsidentschaft lediglich 39 Prozent positiv.
Spanbergers Rede habe gezeigt, dass die demokratische Führung der Partei als besonnen und seriös präsentieren wolle – im Gegensatz zu Trumps Republikanern, wie die „New York Times“ am Mittwoch schrieb. Die Antwort auf die Rede zur Lage der Nation biete zudem eine gute Gelegenheit, in den gesamten USA Eindruck zu hinterlassen. Ob Spanberger selbst größere Ambitionen hat, bleibt frei abzuwarten.

